Mark Chung erklärt Musikwirtschaft: “Wir” wählen derzeit CDU und nicht Google

In diesem Artikel möchte ich einige Positionen “der” Musikwirtschaft als einen zentralen Akteur in der anhaltenden Urheberrechtsdebatte anhand eines Vortrags von Mark Chung näher ausführen.  Mark Chung ist der geschäftsführende Gesellschafter des VUT (Verband deutscher Musikunternehmer), in dem sich u.a. die von mir geschätzten Labels wie !K7 Records, aufabwegen, Boyznoise Records, Innvervisions, Kompakt, Monkeytown Music, Motor und viele andere zusammenschließen, Mitglied des Aufsichtsrats der Initiative Musik gGmbH und war Bassist der Einstürzenden Neubauten sowie Senior Vice President von Sony Music Entertainment International. In der Urheberrechtsdebatte wurde Chung vor allem bekannt durch seinen offenen Brief bei Spreeblick. Auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Filmakademie am 10.11.12 stellte er die Standpunkte “der” Musikwirtschaft zum Urheberrecht, zu Intressenkonflikten und zu Haltungen der Parteien in Deutschland vor.

Die aktuelle Situation der Musikwirtschaft

Den sehr sehenswerten Vortrag von Chung samt Präsentation kann man sich hier ansehen. Insgesamt liefert er in einer halben Stunde eine sehr gute Zusammenfassung, wo sich weite Teile der Musikwirtschaft in der aktuellen Debatte um das Urheberrecht und die Digitalisierungseffekte positionieren. Problematisch an Chungs Vortrag – das sei vorweg geschickt – finde ich, dass die Unterscheidung zwischen Urhebern, Musikern, Labels und Musikverlagen bei ihm in einem diffusen “Wir” zerfließt. Aber ob die Interessen der Musikwirtschaft tatsächlich identisch sind mit denen der Urheber und Musiker, muss z.B. hinsichtlich der Fragen zum Urhebervertragsrecht zumindest kritisch betrachtet werden. Auch die von Chung bemühten Statistiken sind durchaus fragwürdig (Umsatzzahlen werden mit repräsentativen Umfragen verglichen), aber das kennen wir ja auch schon vom Bundesverband Musikindustrie. Aber schauen wir uns lieber Chungs zentrale Thesen zur aktuellen Situation sind:

  • Musik- und Filmwirtschaft sollen sich mehr austauschen und abstimmen.
  • Die Musikwirtschaft hat neue Geschäftsmodelle (32% der Musik wird online vertrieben), aber es gibt substantielle Rückgänge im Gesamtmarkt. Der Markt für Musikaufnahmen ist seit 2000 um die Hälfte eingebrochen. Das ist dramatisch.
  • Die Konkurrenz durch Piraterie macht neue Geschäftsmodelle schwierig.
  • Heutige Situation: Es werden immer weniger junge, experimentierfreudige Künstler langfristig gefördert.

Die Musikwirtschaft gegen Google

Seit einiger Zeit ist Google zu einem Hauptziel von kritischen “Urheber-Stimmen” geworden.  Zentrale Vorwürfe sind die mangelnde Beteiligung von Urhebern und Künstlern an dem, was im Internet verdient wird (siehe auch Leistungsschutzrecht für Presseverleger), und wie Google in zunehmendem Maße Wissenschaft und Forschung durch die Förderung von Instituten und NGOs beeinflusst (Bsp: Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft oder Co:llaboratory). Chung befürchtet den Aufbau von Zitierkartellen, die sich gegenseitig peer-reviewen, und dass „Notice and takedown-Verfahren“ nicht wirkungsvoll bleiben werden. Er meint dazu:

„Seit 15 Jahren leben wir in einem massiven Interessenkonflikt: Unternehmen, die an der Verbreitung von Inhalten verdienen OHNE in die Produktion zu investieren und ohne Künstler und Produzenten zu beteiligen VS. Künstler und Produzenten von Inhalten.”

Der VUT hat diesen Interessenkonflikt deutlich aufgezeigt, indem er die Google-Kampagne “Verteidige Dein Netz!” mit einer eigenen Aktion beantwortete und damit darauf aufmerksam machen wollte, dass sich Google als Verteidiger der Freiheit des Internets zeige, aber in Wirklichkeit zunehmend für ein unfreies Netz sorge. Das ist durchaus ein ernst zunehmendes netzpolitisches Problem (dazu auch Philipp Klöckner mit “Von der Netz-Demokratie zum Google-Monopoly”):

Quelle: Google

Quelle: Google

Quelle: VUT

Auch der legendäre und weiterhin anhaltende Streit zwischen der GEMA und Googles YouTube um eine angemessene Beteiligung der Urheber an YouTubes Werbeeinnahmen spiegelt genau diesen Interessenkonflikt wider. Klar ist, dass Google nicht das freie Internet ist sondern eigene finanzielle Interessen hat und diese verteidigen möchte. Inwieweit aber Google durch staatliche und internationale Richtlinien und Gesetze eingeschränkt werden soll, ist ein riesiges Diskussionsfeld und meiner Ansicht ist es wichtig, auf die Gefahr des Google-Monopols hinzuweisen, doch sollten sich die Urheber und die Musikwirtschaft nicht zu sehr auf das Herausstellen von Google als finalen Endgegner einschießen, denn die Probleme des Urheberrechts und der Musikwirtschaft mit der Digitalisierung sind weitaus komplexer und weitreichender. Zudem besteht bei der zunehmenden Polarisierung der Debatte die Gefahr, dass das “coole Google” in vielen Fällen als Imagegewinner gegenüber der “Musikindustrie von gestern” aus dem hochstilisierten “Kampf” gehen wird. Zurecht meint Chung, dass die Debatte in vielen Aspekten noch ganz am Anfang steht.

Die Musikwirtschaft wählt derzeit CDU

In Chungs Vortrag folgt daraufhin die Analyse der aktuellen Positionen der Parteien in Deutschland. Er betrachtet vor allem die Frage der Rechtsdurchsetzung und stellt vorweg zur aktuellen Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung fest: “Ohne Vorratsdatenspeicherung kann man nicht gegen illegale Nutzung vorgehen.” In allen Parteien sei man sich einig, dass exzessive Abmahnungen eingeschränkt werden sollen (Gebühren deckeln, …). Zusammengefasst konstatiert Chung, dass die CDU am urheberrechtsfreundlichen im Sinne der von ihm vertretenen Musikwirtschaft sei. Er nennt Ansgar Heveling, Bernd Neumann & Co. als Politiker, die sich für die Belange der Urheber einsetzen würden (siehe enGAGE!). Die anderen Parteien, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die FDP würden sich hingegen jeweils durch tiefe Gräben auszeichnen, die lautstarke kleine netzpolitische Gruppierungen von stilleren “urheberrechtsnäheren” Vertretern trennten. Vor allem die Grünen mit ihrem “Vergüten statt verfolgen“, was einem Aussetzen der Rechtsdurchsetzung gleichkäme, und die FDP durch ihre derzeitige Tatenlosigkeit in der Bundesregierung (z.B. hinsichtlich Warnhinweisen und 3. Korb) würden sich bei der Fortsetzung ihrer Kurse als unwählbar für “die Musikwirtschaft” machen. Die einzelnen Unterpunkte von Chungs Parteienanalyse sind alle sehr diskussionswürdig, was sich meiner Meinung nach auch den unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb der etablierten Parteien gut widerspiegelt. Inwiefern seine derzeitige Wahlempfehlung in der durch ihn vertretenen Masse der Urheber wiederzufinden ist, bleibt fraglich. Trotzdem bietet Chung mit seinem Vortrag, der auch als Wachrütteln der Politik gedacht ist, einen sehr guten Überblick auf die Diskussion mit der “Musikwirtschaftsbrille”. Abschließend ruft Chung Film- und Musikindustrie dazu auf, für mehr politische Öffentlichkeit für die Belange der Kreativwirtschaft zu sorgen. Die Piratenpartei wird im Übrigen nur abfällig am Ende des Vortrags erwähnt, indem Chung fragt, warum denn noch keine Komödie über sie gedreht worden sei, und die “Netzgemeinde” wird als “hyperaktiv” bezeichnet. Damit bietet sich insgesamt ein ähnliches “Feindbild” wie bei der Initiative Urheberrecht.

Fazit

Es ist völlig legitim, dass auch die Musikwirtschaft anfängt, Lobbyarbeit für ihre Interessen zu betreiben. Inwiefern sich alle Urheber und Musiker von Chungs “Wir”-Positionen vertreten fühlen, muss man kritisch hinterfragen und es gibt an vielen Stellen auch andere Sichtweisen. Auch lässt Chung vermutlich absichtlich offen, wie es um seine Haltung zu Streaming-Diensten wie Spotify steht, die einerseits von der Musikindsutrie als “Brücke zum legalen Musikkonsum” (Florian Drücke), aber von vielen auch als nicht zukunftsfähig aufgrund der geringen Ausschüttungen an die Künstler und Urheber angesehen werden. Aber ich lasse diese Meinung an dieser Stelle mal einfach so stehen – ganz im Sinne eines informierten Interessensausgleichs.

Eins muss ich dann aber doch erwähnen: Unfreiwillig zum Schmunzeln brachte mich bei Chungs Vortrag eine Stelle:

„Viele meiner Kollegen in der Musikwirtschaft gehen ja eigentlich davon aus, dass wir der Filmwirtschaft ein paar Jahre voraus sind, in Bezug auf Digitalisierungseffekte – natürlich nicht, weil wir besonders vorausdenkend oder fortschrittlich sind, sondern einfach weil das Kernprodukt, mit dem wir arbeiten, Musikstücke, schon in den 90er Jahren auf ein paar Megabyte komprimiert (…), übertragen und getauscht werden konnten.“

Ob sich das von Chung viel beschworene “Wir”  mit dem “nicht besonders vorausdenkend und fortschrittlich” identifiziert?

+++Update: Wie sich die Musikwirtschaft positioniert und Öffentlichkeitsabreit leistet, kann man sich auch bei WECAB (We create art and beauty) ansehen: “So geht Musikwirtschaft” +++

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