“Wird die digitale Gesellschaft in 30 Jahren frei sein oder eher aussehen wie ein iPhone?”

Soeben habe ich das Buch “Mashup – Lob der Kopie” von Dirk von Gehlen (2011) durchgelesen. Anhand zahlreicher Beispiele und einiger Interviews zeigt er auf, dass der Begriff des Originals in der Krise steckt und was das für Konsequenzen für die heutige Debatte über das (Raub-)Kopieren haben sollte. Die Kultur des Kopierens, die fundamental für unsere Gesellschaft und die Kunst ist, sei durch politisch aufgeladene Begriffe und repressive Praxen bedroht, was eine Gefahr für die freie Kultur darstelle. Dabei werde doch durch die Möglichkeiten der Digitalisierung ein enormes Potential an partizipativer Kreativität in der Remix- und Copy&Paste-Kultur ermöglicht.

Beim Begriff Kopie müsse natürlich der “Unterschied zwischen der produktiven Referenzkultur auf der einen und dem Kopieren als reine Reproduktionstechnik auf der anderen Seite” (S. 101) beachtet werden. Von Gehlen weißt auch auf die sprachlichen Probleme mit dem Konzept des “geistigen Eigentums” hin, in dessen Namen ein regelrechter “Copyright-War” geführt werde. Und zwar gegen die Kopierenden und gegen die “Prosumenten” der “Read-Write-Society”, die aus aktiven kopierenden Verbrauchern bestehe. Das Urheberrecht müsse  sich vielmehr als Immaterialgüterrecht verstehen  und damit seine gesellschaftliche Legitimation wiedererlangen und seine eigentliche Intention erfüllen: Kreativität zu fördern (S. 123). Als Alternativen werden u.a. die Creative Commons, die Kulturflatrate, die OpenSource Bewegung und die Piratenbewegung vorgestellt.

Am Ende seines Buches plädiert von Gehlen für einen neuen Begriff des Originals: „Dies ist kein binär zu unterscheidendes solitäres Werk (1), sondern ein in Bezüge und Referenzen verstrickter Prozess (2), und seine skalierte Originalität beruht immer auf Zuschreibungen und Konstruktionen (3), die man mit ihm verbinden will.“ (S. 174)

Meiner Meinung nach schafft es Dirk von Gehlen, eine sehr breit aufgestellte Diskussion zu den Themen Freie Kultur, Remix-Kultur und die Gefahren aktueller Debatten über das Urheberrecht und Raubkopierer zu ermöglichen, indem er die Probleme auf die (digitale) Kopie herunterbricht und viele Argumente mit zahlreichen Verweisen findet. Mit einem sehr guten Glossar und sehr guten weiterführenden Literaturangaben ausgestattet kann ich dieses Buch nur empfehlen!

“Wird die digitale Gesellschaft in 30 Jahren frei sein oder eher aussehen wie ein iPhone.” (S. 59)

„Wir können nicht nicht kopieren.“ (S. 179)

Dirk von Gehlen erzeugt auch sehr viele Bezüge zur Musik, indem er das Zitieren und Samplen als zentrale musikalische Elemente betrachtet. Es kommen sehr viele Musiker zu Wort, die ihre Meinung zum Thema erläutern. Eins der bekanntesten Beispiele ist wohl das in der Literatur vielfach thematisierte “The Grey Album” von DJ Danger Mouse aus dem Jahr 2004, das ein Mashup aus dem White Ablum der Beatles und dem Black Album von Jay-Z ist und als erstes Bastard-Pop Album der Geschichte angesehen wird. Die Klage von EMI gegen das Album wurde am “Grey Tuesday” von zahlreichen Internetseiten in Form von freien Download-Möglichkeiten gekontert. Diese Aktion lässt sich meiner Meinung nach bestens mit dem “Wikipedia-Blackout” vergleichen, was auf die anhaltenden Diskussionen und Kämpfe und die Notwendigkeit für Anstöße wie dieses “Lob der Kopie” hinweist.

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