Die zeitgemäße offene Form eines Albums: OvalDNA

Vor einigen Wochen habe ich mir das neue Album „OvalDNA“ von Markus Popp, alias Oval zugelegt. Schon seit längerer Zeit bin ich begeistert von seiner markanten Musik und seinem unverkennbaren Sound und konnte ihn auch zwei Mal live in Köln erleben. Aber ich möchte hier an dieser Stelle nicht über seine Musik an sich schreiben (hört sie euch z.B. hier bei soundcloud an), sondern vor allem über seinen musikalischen Ansatz.

Als Avantgardist der experimentellen elektronischen Musik sucht Popp immer wieder nach spannenden und neuen Wegen, über Musik zu denken und Musik zu machen. Der Berliner gilt als Pionier des Glitch und arbeitete unter anderem zusammen mit Björk und Jan St. Werner von Mouse on Mars. Der OvalDNA-Album-CD ist eine DVD mit über 2000 Soundfiles von Oval, OvalDNA Software, Oval Musik-Clips und Bonustracks beigefügt. In der mitgelieferten Dokumentation, die die Grundlage dieses Artikels bildet, beschreibt Markus Popp seine musikalische Entwicklung und seinen Ansatz für dieses Album und leistet damit meiner Meinung einen wichtigen und auch teilweise visionären Beitrag zur Debatte über Musik im digitalen Zeitalter.

Zu Beginn dieser Abhandlung stellt er fest, dass die elektronische Musikproduktion, da sie nie zuvor so einfach war, zu einem globalen, universellen Hobby geworden sei. Virtuelle Instrumente bedeuten für ihn ein „Schwelgen im Überfluss“. Alles sei verfügbar, jedes Genre als Preset verfügbar und eine neue Ära der elektronischen Musik, in der Emulationen von Instrumenten die Klanglichkeit dominierten, angebrochen (S. 10). Seine Arbeit beschreibt Popp oft als Organisation von Klangfragmenten und stellt deshalb fest: „Die Musik wird nicht neu erfunden, sondern umorganisiert.“(S. 12) Damit lässt er sich unter anderem wunderbar in das „Lob der Kopie“ von Dirk von Gehlen einordnen, weil hier der Begriff des Originals und des Schöpfens aus sich heraus in Frage gestellt werden.

Bei Oval, so fährt Popp in der Dokumentation fort, ginge es aber immer neben der Musik auch um einen Kommentar zu den Entwicklungen der elektronsichen Musikmedien (S. 12). So bezeichnet er die Tracks auf und nach Systemisch (1994) als Parodie des Autorenprinzips: „Ich bin das nicht gewesen, das Dateisystem war’s.“ Musik wird hier zu recyclendem und zu umschichtendem Arbeiten (S. 13).

Der zentrale Gedanke ist das „Open Source“-Konzept, das dem Nutzer einen freien Umgang mit den Samples von Oval – entweder mit oder komplett ohne der OvalDNA-Software (die übrigens bis heute noch immer nicht fertig programmiert ist…)- erlaubt und auf  urheberrechtliche Einschränkungen und DRM (Digital Rights Management) verzichtet. Diese Idee verfolgte Popp bereits auf ähnliche Weise im Jahr 2000 mit seiner Veröffentlichung „Ovalprocesses“. Der Titel dieses Albums weist auf den Prozessgedanken hin, den er mit seiner Musik verwirklichen möchte. Musik ist demnach nicht fertig produziert sondern wird durch den User (gleichsam als Prosument) bei Interesse kreativ genutzt und verändert. Die Einfachheit, mit den heutigen technischen Möglichkeiten Musik zu bearbeiten und zu samplen, führt hier dazu, dass Oval die Idee (s)einer Remix-Kultur auffällig demonstrativ mit seinen Alben unterstreicht und damit eine „neue zeitgemäße Form des Albums als offenes und nicht als geschlossenes Medium“ entwickelt. Im Prozess statt fertig. Frei statt unfrei. Digital statt analog. Er geht sogar noch weiter indem er behauptet, dass heute letztlich alle aufgenommene Musik aufgrund des digitalen Recordings „Software“ sei und damit der Schritt, Software und Samples für Hörer in dieser Form zu verbinden, nur folgerichtig wäre. Dies spielt wiederum auf die Abhängigkeit der Musik von technischen Mitteln an (S. 15).

Mit O (2010) versuchte Oval die Gegensätze „gespielt vs. programmiert“ oder „akustisch vs. elektronisch“ nicht mehr wichtig zu nehmen sondern mit akustischen Illusionen zu spielen: „Hören wir… Markus Popp? Software? Gastmusiker?“ (S. 17)

OvalDNA und die in der Dokumentation mitgelieferte eigene Analyse Popps zeigen meiner Meinung nach sehr eindrücklich die Spannungsfelder auf, in denen Musik und Kultur im digitalen Zeitalter statt finden. Mit seinen Überlegungen und Veröffentlichungen schafft Oval somit eine bemerkenswerte und wichtige Brücke zwischen Freier Kultur und Musik. Auf der einen Seite werden Musikkonsumenten zu Produzenten von Musik und zu Teilnehmers an einem Prozess ernannt: Das Album ist hier kein fertiges Produkt mehr sondern ein Prozess. Auf der anderen Seite wird das Problem von urheberrechtlich geschützten Musikinhalten offensiv angegangen und gelöst, Remixer aus der Illegalität zu befreien, indem die Schranken komplett aufgelöst werden, womit Markus Popp nur eigenen Erfahrungen aus seinem Umfeld folge. Nichtzuletzt schafft OvalDNA aber auch ein neues Geschäftsmodell, weil die DVD und die mitgelieferten Möglichkeiten zum Kauf und nicht kostenfrei angeboten werden.

Meiner Ansicht nach stellt OvalDNA damit einen richtungsweisenden Schritt für Musiker, Hörer und alle zwischen diesen Polen im digitalen Zeitalter dar. Nur die Ungereimtheit, dass Oval sein Album in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat erstellt hat, welcher sich meines Wissens nach durch eine Position auszeichnet, die Urheber verstärkt schützen soll und damit Popps visionären Gedanken widerspricht, hinterlässt bei mir noch einige Fragezeichen…

Mehr über Oval gibt’s u.a. in dieser Doku:

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