Besuch im Unterricht bei André Spang

In der letzten Woche habe ich die Möglichkeit bekommen, eine Doppelstunde im Musikunterricht bei André Spang an der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule zu hospitieren. Er hat sich in den letzten Jahren unter anderem durch die Nutzung von iPads und Web 2.0-Angeboten im Unterricht profiliert und genau darum ging es auch in dieser Unterrichtsstunde. Die SchülerInnen der 6. Klasse arbeiteten auf iPads in Kleingruppen an Internetseiten des Wikis des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums, auf denen sie ihre Lieblingsmusiker vorstellen sollten. Auf den Umgang mit den iPads möchte ich an dieser Stelle gar nicht zu sprechen kommen, aber anhand der Wikis lassen sich einige Problemfelder hinsichtlich der Urheberrechtsproblematik erläutern, die im Unterricht zur Sprache kamen. Darüber hinaus ergaben sich im Gepräch mit André Spang einige interessante Diskussionspunkte.

Wikis stellen meiner Meinung nach eine sehr sinnvolle Möglichkeit der Mediennutzung im Unterricht dar. Das bekannteste Wiki ist wohl die Wikipedia. Mit wenigen technischen Hürden können Nutzer eigene Internetseiten mit Texten, Videos, Bildern und Links erstellen, diese miteinander oder mit Internetquellen verlinken und sich auf angehängten Diskussionsseiten über die Inhalte austauschen. So erlernen SchülerInnen u.a. selbst aktiv an Online-Inhalten mitzuwirken und auch angebotene Inhalte zu hinterfragen.

Als ein zentraler Punkt in der Wiki-Unterrichtsstunde kristallisierte sich heraus, wie richtig zitiert werden soll, wie Quellen angeben werden müssen und welche urheberrechtlich geschützten Inhalte nicht auf die Seiten gestellt werden sollten. Hier versuchte Herr Spang den SchülerInnen deutlich zu machen, dass die korrekte Nennung von Quellen notwendig sei, um nicht rechtlich belangt werden zu können – nach dem Motto: „Ihr müsst für eure Internetseiten die volle Verantwortung übernehmen.“ Auch wenn André Spang weiß, dass das rechtlich gesehen nur teilweise zutrifft, versucht er damit die SchülerInnen für das Thema Urheberrecht und die eventuellen rechtlichen Konsequenzen zu sensibilisieren. Bei der Frage, welche Bilder auf die Wiki-Seiten von den SchülerInnen platziert werden dürfen, rät er ihnen, Bilder aus den Wikimedia-Commons zu benutzen und urheberrechtlich geschützte Fotos nicht zu verwenden. Letztere sind aber in vielen Fällen deutlich ansprechender und auch in einer größeren Vielfalt vorhanden und daher per se zu nächst einmal für die SchülerInnen oftmals attraktiver, doch obwohl sie die Bilder auf ihren iPads sehen können, dürfen bzw. sollen sie sie nicht auf ihren Seiten verlinken. Youtube-Videos werden hingegen auf den Wiki-Seiten von den SchülerInnen selbstverständlich eingebettet. Meiner Meinung nach gehört das Verlinken von Inhalten zum Wesen des Internets und ich verstehe nicht, warum hier SchülerInnen bei Bildern von Urheberrechten eingeschränkt werden. Die Rechtslage ist meines Wissens nach hier noch nicht sehr deutlich und es ist verständlich, dass Herr Spang die rechtssicherere Variante vorzieht, doch ein kreatives Arbeiten mit dem Internet sollte nach meiner Auffassung das Einbetten von urheberrechtlich geschützen Inhalten ermöglichen, um einen kreativen Umgang mit Kultur zu ermöglichen. Hier wird neben der allgemeinen Debatte um das Urheberrecht im digitalen Zeitalter deutlich, wie früh Kinder heute bereits mit dem Urheberrecht in Kontakt und auch in Konflikt geraten können. So sagt auch Till Kreutzer in seinem Vortrag auf der Re:publica 2011: „Urheberrecht war früher für Profis und ist heute ein allgemeines Verhaltensrecht.“ Meine Frage wäre hier: Wie weit soll das Urheberrecht unseren Umgang mit Kultur bestimmen?

Herr Spang thematisiert in seinem Unterricht schon seit langer Zeit die Frage, wie mit illegalen Musikdownloads umgegangen werden soll. In einem Gespräch mit ihm erklärte er mir, dass SchülerInnen einer anderen Klasse sich im Rahmen des Safer Internet Day 2012 auf einer eigenen Wiki-Seite auch mit dieser Problematik beschäftigt haben. In seinem eigenen Unterricht arbeitet er die rechtlichen Rahmenbedingungen mit den SchülerInnen heraus (Was ist erlaubt? Was ist verboten?) und bringt es auf die Formel: „Illegal Musik herunterzuladen ist das gleiche wie eine CD aus einem Musikladen zu stehlen.“ Davon ist er überzeugt und glaubt darüber hinaus auch an die Notwendigkeit, sich im rechtlich legalen Raum als Lehrperson verhalten zu müssen. Mit einer allgemeinen Flatrate für Online-Inhalte und einem an das Internet angepasste Recht würde das Problem seiner Meinung nach am besten gelöst werden, aber realistisch eingeschätzt sei ein solches Vorhaben noch lange nicht in Sicht.

Ich finde es sehr schade und problematisch, dass an diesem Punkt nicht versucht wird, das bestehende Urheberrecht in einer allgemeinen Debatte und im Unterricht selbst zu hinterfragen. Auch mit den SchülerInnen könnte versucht werden über das Thema zu diskutieren und bestehende Interessenlagen und Gesetze kritisch zu beleuchten, anstand den SchülerInnen hauptsächlich zu vermitteln, was nach derzeitigem Recht legal und illegal ist. Durch die Möglichkeit der digitalen Kopie muss nämlich nach Meinung vieler Experten und auch meiner Ansicht nach das System, das diese Kulturtechnik verhindert, in Frage gestellt werden. Es ist meiner Ansicht nach schlichtweg falsch – ohne Tauschbörsen, Musikstreaming und Klagen gegen Raubkopierer aus mehreren Perspektiven zu betrachten -, Musikdownloads mit CD-Diebstahl gleich zu setzen. Eine digitale Kopie kennzeichnet sich nämlich eben gerade nicht durch den Verlust des „Originals“ sondern durch dessen Duplikation aus und die Thematik ist weitaus vielseitiger, als es die Musikindustrie und das Gesetz glauben machen wollen (siehe auch Dirk von Gehlen: Mashup – Lob der Kopie). Weiterführende Fragen für den Unterricht wären zum Beispiel:

  • Was sind die positiven Seiten von Tauschbörsen und Streamingangeboten?
  • Was verbirgt sich wirklich hinter den Begriffen „Piraterie“, „geistiges Eigentum“ und „Raubkopierern“?
  • Sind wir wirklich alle kriminell?
  • Warum gibt es so viele urheberrechtliche Restriktionen im Internet?
  • weitere Unterrichtsvorschläge demnächst auf meiner Seite Konsequenzen für den schulischen Musikunterricht

Darüber hinaus wird in meinen Beobachtungen auch deutlich, in welchen urheberrechtlichen Zwängen sich die Lehrpersonen im heutigen Unterricht befinden. Kann man hier noch von einer Freien Kultur sprechen, wenn Lehrer sich gezwungen sehen, illegale Musikdownloads unhinterfragt als unrechtsmäßig abzutun, um den SchülerInnen den „richtigen“ Umgang mit digitaler Musik beizubringen? Wäre es nicht gerade wichtig für die kommenden Generationen einen kritischen Umgang mit dieser Thematik zu erlernen anstatt „blind“ dem bestehenden Urheberrecht zu folgen?

Ich möchte die Pädagogik und insbesondere die Musikpädagogen dazu auffordern, das Themengebiet Urheberrecht, illegale Musikdownloads, Tauschbörsen und auch das Einfügen von urheberrechtlich geschützten Bildern in Internetseiten differenzierter und kritischer zu behandeln, um die Entwicklung hin zu einem Unterricht, der unreflektiert Wirtschaftsinteressen gehorcht, zu verhindern. Gerade im Bereich Musik kommen SchülerInnen schon früh im Internet mit urheberrechtlich relevanten Vorgängen in Kontakt. Sie über die aktuelle Rechtslage aufzuklären, finde ich wichtig, aber das sollte meiner Meinung nach dafür genutzt werden, gerade diese unbalancierte Rechtslage zu kritisieren – auch im Sinne einer freien Bildung.

Für mich hat sich aus diesem Unterrichtsbesuch eine wichtige Konsequenz für meine Sicht auf das Themenfeld ergeben: Man kann das derzeitige Urheberrecht auf einer Ebene in Frage stellen, wie es bis hierhin hauptsächlich auf diesem Blog geschehen ist. Aber der kritische Umgang mit dem Urheberrecht im schulischen Musikunterricht befindet sich in einem weiteren schwierigen Spannungsfeld: Als zukünftiger Lehrer stelle ich mir die Frage, wie ich SchülerInnen im Unterricht einen kritischen Umgang mit dem derzeitigen Urheberrecht nahelegen kann ohne sie und mich selbst in rechtliche Schwierigkeiten zu bringen. Was können Lehrpersonen jetzt schon in diesem System leisten, um an einem Überdenken der Situation mitzuwirken ohne auf einen Wandel in Politik und Gesellschaft warten zu müssen aber auch ohne vor Gericht zu landen? Diesen Fragen möchte ich in kommender Zeit genauer hinterher gehen.

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