Warum soll ich noch für Musik bezahlen?

Gerade habe ich die wirklich gelungenen Beiträge „Warum soll ich noch für Musik bezahlen?“ Teil 1 (20.12.2011) und Teil 2 (31.01.2012) von Michael Bartlewski für on3-Radio vom Bayrischen Rundfunk durchgehört und möchte jetzt hier meine Erkenntnisse daraus aufschreiben.

Der 1. Teil trägt den Titel „Die Abmahnindustrie“. Es wird die Frage aufgeworfen, wer an den allein im Jahr 2010 in Deutschland 600.000 verschickten Abmahnungen wegen Filesharing verdient. Der „Abmahnanwalt“ Björn Frommer erklärt, dass die 30-40 Abmahnkanzleien in Deutschland für vier Branchen tätig sind: Film-, Musik-, Verlags- und Bilderbranche. Downloads würden generell nicht abgemahnt, sondern nur Uploads. Die Abschreckung durch Abmahnung funktioniere sehr gut: „Menschen, die einmal diese Post bekommen haben, hören auf damit.“ In dem Bericht heißt es weiter, dass von allen Abmahnungen nur ein Bruchteil tatsächlich vor Gerichten verhandelt würde, weil viele Verfahren durch Vorabzahlungen der Betroffenen geregelt würden. Auch vor Gericht sei es gängige Praxis, dass es gar nicht zu einer echten Überprüfung der Vorwürfe komme, weil das finanzielle Risiko den meisten Beschuldigten zu hoch sei. Stattdessen würden Deals mit gewissen Zahlungen ausgehandelt, die aber auf technisch eigentlich nur schwer nachprüfbaren Annahmen basierten, so der Experte Holger Morgenstern: „Es ist sehr schwer nachzuweisen, dass man etwas nicht war.“

Diese Möglichkeit, Privatpersonen wegen Urheberrechtsverletzungen auf schnelle und leichte Art und Weise zu Zahlungen zu zwingen, habe sich zu einer regelrechten Abmahnindustrie entwickelt, in der Kanzleien wie die bekannte Abmahnkanzlei Rasch Rechtsanwälte aus Hamburg und die Kanzlei Waldorf und Frommer („Für ein neues Bewusstsein im Urheberrecht.“) ihr Unwesen treiben. „Ich kenne da jemanden, der jemanden kennt, der abgemahnt wurde“ ist damit heute leider zur Realität geworden und führt zu einem verbreiteten Unsicherheitsgefühl hinsichtlich des Filesharings im Internet. Dieser „Abmahnwahn“, bei dem die Großen der Musikindustrie (Sony, Univserval Music, …) ja paradoxerweise ihre eigenen Kunden verklagen, müsse unbedingt eingeschränkt werden, weil es sich hier längst nicht mehr um eine angemessene Anwendung des Urheberrechts handele, sondern um reine Geldmacherei.

Das geht mit der Kritik von Lawrence Lessig einher, dass es grundsätzlich falsch und gefährlich wäre, eine ganze Generation zu verklagen und durch urheberrechtliche Repression zu versuchen, alte Geschäftsmodelle zu verteidigen. Unsere Freie Kultur sei in Gefahr, wenn wenige Mächtige versuchten mit dem Gesetz einen Großteil der Bevölkerung wegen der Nutzung neuer Technologien zu kriminalisieren, ohne Alternativen zu erwägen. Es verärgert mich in zunehmendem Maße, dass die Besitzer der Urheberrechte in immer groteskeren Aktionen eine Atmosphäre der „Angst vor dem Erwischtwerden“ erzeugen, die schon tief in unsere Gesellschaft eingedrungen ist, anstatt über Reformen des Urheberrechts und eine neue Ausbalancierung nachzudenken.

Jan Delay schreibt dazu auf facebook folgendes:

„Mal n paar harte zahlen und fakten: im letzten jahr hat es 800.000 (!) abmahnungsverfahren wg. illegalen downloads gegeben. heißt: windige anwälte beschäftigen billiglöhner, die den ganzen tag nix anderes tun als ip-adressen von illegalen saugern aufzuschreiben um diese mit einem bußgeldbescheid von durchschnittlich 1500 euro abzumahnen und mit Gerichtsverfahren zu drohen falls nicht gezahlt wird. heraus kommt das stolze sümmchen von 1,2 Milliarden (!!), welches unter den anwälten und den plattenfirmen gesplittet wird. die künstler sehen davon nix! das sind alles miese schweine!! saugt bitte alle ruhig weiter, und lasst euch nicht erwischen! kein peer 2 peer!! und wenn es Künstler gibt, die ihr schätzt und die sich den arsch aufreißen um gute platten zu machen: bitte supported sie!!“

Das ist ziemlich drastisch formuliert und von den Zahlen her auch etwas übertrieben, aber namhafte Künstler wie Jan Delay und Bodi Bill sprechen sich deutlich gegen die Abmahn-Entwicklungen aus, weil die Künstler von dem erklagten Geld nichts sehen würden, sondern nur die findigen Rechtsanwälte. Der Sänger von Bodi Bill, Fabian Fenk, formuliert das etwa so:

„Man nimmt seiner Infrastruktur das Geld, das die Menschen für Konzerte und andere Dinge ausgeben würden, und unterstützt Menschen, die eh schon dicke Autos fahren. Das ist Schwachsinn. Bodi Bill möchte nicht Teil dieser perversen Maschinerie sein.“

Auch Clueso möchte aus seinen Fans keine Abmahnopfer machen und verteilt z.B. mit seinen Konzerttickets einen Gratis-Download. Er möchte einfach nicht sagen, dass Musik runterzuladen illegal ist. Man müsse vielmehr darüber diskutieren, dass Musik einen gewissen Wert habe und ausschließlich kostenlos runterzuladen, letztendlich dazu führe, dass es für Musiker immer schwieriger werde, zu überleben.

Diese Überlegungen fortführend beschäftigt sich der zweite Teil von „Warum soll ich noch für Musik bezahlen?“ mit dem Thema „Der Überlebenskampf“. Darin erlauben die Musiker von Bodi Bill einen Blick in ihre Einkünfte. Die ganzen spannenden Statistiken sind hiereinzusehen. Dabei wird deutlich, wieviel Geld und Zeit die Produktion ihres Albums kostet, wie gering aber die Einkünfte aus Downloads und Streaming-Angeboten sind. Mit monatlich etwa 9 Euro Einkünften von Streaminganbietern und insgesamt etwa 5000 verkauften CDs, an denen sie jeweils 2,88 Euro verdienen, können sie bei weitem noch nicht davon sprechen, dass sie Produktionskosten des Alums wieder ausgeglichen hätten. Ausgerechnet haben sie auch die Antwort auf die Frage: Wieviel CDs müssen Bodi Bill verkaufen, um über der Armutsgrenze zu sein? 11.000 Einheiten müssten es sein. Dieses Durchrechnen soll natürlich keinesfalls zu Mitleid für die armen Musiker von Bodi Bill anregen, ich finde es aber wichtig, dass auf der Basis solcher Daten über alternative Einnahmequellen für Musiker nachgedacht werden kann.

Danach werden in dem Bericht andere Verdienstmöglichkeiten neben dem reinen Verkauf angesprochen:

  • Geräte- und Leermedienabgabe auf Rohlingen, USB-Sticks, mp3-Playern und Smartphones mit Touchscreen (> 8GB = 36 Euro) sind teilweise schon umgesetzt, teilweise aber auch nur Forderungen, da sich die Hersteller und die ZPÜ (Zentralstelle für private Überspielungsrechte) noch streiten. Das Problem daran ist meiner Meinung nach, dass die GEMA für Ausschüttung dieser Einnahmen verantwortlich ist und damit wieder nur GEMA-Mitglieder davon profitieren können.
  • Bei Konzerten und Radioplays kommen die Musikverlage in Spiel, die nicht die Interpreten sondern die Komponisten vertreten und damit Vertreter der Urheber sind. Diese Verlage verdienen je nach Vertrag an den GEMA-Abgaben der Veranstalter und Radiostationen mit.
  • Einige Bands haben es durch diese Abgaben mit einem Song geschafft fürs Leben zu vorzusorgen (Bsp: Weihnachtshits, Narcotic von Liquido), was aber natürlich Ausnahmefälle darstelle.
  • Öfter werde mit Musik in der Werbung (sehr gut bezahlt, 100.000 EUR gut möglich, aber nicht häufig), Games und Filmen Geld verdient. Es würden hier teilweise Einnahmen erreicht, die mit CD- und Download-Verkäufen heute undenkbar seien.

Als sehr aufschlussreich habe ich das Interview mit Mike Masnick (Vordenker, Gründer von Techdirt) zu der Frage „Wie können Musiker heute noch Geld verdienen?“ empfunden, indem er dazu die Formel aufstellt:

CwF (Connect with Fans) + RtB (Reason to Buy) = Money

Seiner Auffassung nach können Musiker demnach sehr wohl heute mit Musik Geld verdienen, indem sie mit ihren Fans in eine neuartige Verbindung treten und ihnen Gründe für den Kauf der Musik geben. Selbst wenn Musik kostenlos sei, sei sie wertvoll. Aus wirtschaftlicher Sicht sieht es Masnicks Meinung nach so aus:

„Wenn eine Sache immer verfügbar ist, dann sinkt natürlich ihr Preis. Und wenn etwas so grenzenlos verfügbar ist wie Musik, dann rutscht der Preis in Richtung null. Aber das heißt nicht, dass man mit Musik kein Geld mehr verdienen kann. Die Leute verstehen manchmal nicht, dass Preis und Wert nicht das gleiche sind. Nur weil jemand seine Musik kostenlos verschenkt, heißt das noch lange nicht, dass sie keinen Wert hat, denn Fans schätzen Musik sehr. Und genau diese Wertschätzung kann man benutzen, um andere Dinge wertvoll zu machen.“

„Die Frage lautet: Was genau verkaufst du? In der Vergangenheit haben Künstler eine CD verkauft. Klar war da Musik drauf, aber im Grunde war es eine Plastikscheibe. Aber da Musik heute auf so vielen Kanälen verfügbar ist, musst du ein neues Format verkaufen, z.B. Musik mit einem Videospiel  kombinieren oder mit einem Kleidungsstück, zu dem du dann besondere Downloads bekommst.“

„Viele Fans sind immer noch bereit Geld für Musik auszugeben, wenn es denn direkt bei den Künstlern landet.“

„Meistens will man doch einfach den Künstler unterstützen. Viele Leute wollen keine Alben kaufen, weil sie denken, der Künstler kriegt ja eh nur einen Bruchteil von dem Geld – wenn überhaupt. Wir wissen aber inzwischen, dass Fans bereit sind, viel mehr zu bezahlen, wenn das Geld direkt an die Künstler geht. Dieser Wunsch den Künstler zu unterstützen wird sehr sehr stark.“

Mit diesen treffenden Zitaten prognostiziert Masnick viel Bewegung im Verhältnis Fan-Musiker. Zudem macht er darauf aufmerksam, dass die Bereitschaft von Fans für Künstler zu zahlen da sei und mit dem Internet auch Wege gefunden werden könnten, einen direkteren Fluss von Geld zu den Künstlern ohne die Verluste in den Vertrieben und Musikkonzernen zu gewährleisten. Bandcamp ist hierfür wohl das derzeit bekannteste Beispiel. Diese Vertriebsmöglichkeiten sehen etablierte Musikkonzerne natürlich ungern, weil sie damit teilweise überflüssig werden. Aber die Sicht der Musikhörer ist auch allzu verständlich, dass sie eine CD lieber nicht kaufen wollen, wenn davon nur etwas 2,88 EUR, wie im Fall bei Bodi Bill, beim Künstler landen.

Michael Bartlewski fasst sein Fazit folgendermaßen zusammen:

Warum soll ich noch für Musik bezahlen? Wer will, dass seine Lieblingsmusiker weiterhin Musik machen und in seine Stadt kommen, der muss dafür bezahlen, damit es weiter geht. Fans haben die Verantwortung, was vergleichbar mit FairTrade ist. Direkte CD-Verkäufe bei Konzerten und Downloads bei bandcamp gehen dabei unmittelbarer an die Künstler als bei amazon, iTunes und in CD-Geschäften.

Insgesamt ermöglichen die beiden Radio-Beiträge meiner Ansicht nach eine vielseitige Sicht auf die aktuelle Situation von Musikern und Musikhörern im digitalen Zeitalter und die aktuellen Probleme und bieten darauf aufbauend gute Ansätze, die zeitnah Anwendung finden könnten. Was mit fehlt ist eine Einordnung in Überlegungen wie die der Freien Kultur von Lawrence Lessig, der die angesprochenen Probleme schon vor einiger Zeit thematisiert hat und weiterhin „Recht“ behält.

Für die (Musik-)Pädagogik geben sich daraus abschließend meiner Meinung nach eine Vielzahl an Implikationen, die ich mit diesen Fragen anstoßen möchte:

  • Können Musiklehrer ihren SchülerInnen noch weismachen, dass diese Abmahnungen und das Urheberrecht in seiner heutigen Form einen fairen Umgang mit Musik darstellen? NEIN!
  • Soll das internationale Handelsabkommen ACTA für die Bestrafungen und die Verfolgung der sogenannten Piraterie den Urhebern noch weitreichendere rechtliche  Mittel an die Hand geben? NEIN!
  • Wie schaden Abmahnungen und eine Atmosphäre der Angst vorm Erwischtwerden den Jugendlichen? Wie verändert sich aufgrund dessen ihr Verhältnis zu Musik?
  • Schätzen SchülerInnen Musik dadurch, dass sie bedacht darauf handeln, nichts illegales zu tun, mehr wert, wie es von der Musikindustrie gefordert wird? NEIN!
  • Wie können wir eine Freie Kultur wieder herstellen?
  • Spreche ich das Thema Abmahnungen, Urheberrecht und illegale Downloads im Unterricht wirklich nur an, indem ich aufzeige, was nach derzeitigem Recht legal und illegal in Bezug auf Musik ist, wie es zum Beispiel von dem Projekt „Play Fair – Respect Music“ der HMTM Hannover vorangetrieben wird? NEIN!

Ich denke, dazu kann noch einiges gesagt werden und ich finde hoffentlich im Laufe der Zeit einige ausführlichere Antworten auf diese Fragen. Wann ist endlich Schluss mit der Schwarz-Weiß-Malerei der Content-Industrie?

Hier noch einige Links zu dem Thema:

http://www.verein-gegen-den-abmahnwahn.de/blog/?p=504

http://www.zeitjung.de/medien/medien/7335-abgemahnt-und-jetzt-immer-mehr-abmahnungen-durch-illegale-downloads-zu-verzeichnen/

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2 Antworten zu Warum soll ich noch für Musik bezahlen?

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