“Play Fair – Respect Music” der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – eine kritische Analyse

Ich habe mich ausführlich mit dem Projekt “Play Fair – Respect Music” der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH) auseinandergesetzt und eine kritische Analyse an die Verantwortlichen Prof. Bäßler und Daniel Reinke gerichtet, auf welche ich bis heute keine Antwort bekommen habe. Das Projekt sollte 2012 abgeschlossen werden, aber bis heute findet sich kein abschließendes Resultat auf den Seiten des Projekts. Deshalb habe ich mich entschlossen meine Mails hier zu veröffentlichen.

Was sind die Ziele von PLAY FAIR – RESPECT MUSIC?

“Das langfristige Ziel der Initiative ist die Schaffung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für den Wert musikalisch-kreativer Leistungen bei Kindern und Jugendlichen. Dies soll über aktiven Musikunterricht  an Schulen geschehen. Denn nur wer selbst die Erfahrung musikalisch-kreativen Schaffens macht, kann Musik auch wertschätzen.
Es ist also unsere Aufgabe, kreativen Musikunterricht an Schulen zu fördern. Um also der Entwertung von Musik und somit auch illegalen Downloads und Kopien entgegen zu wirken, werden im Rahmen dieses Projekts neue Unterrichtskonzepte erarbeitet, die Lust an Musik vermitteln sollen.” (Quelle: http://www.playfair.hmtm-hannover.de/de/ueber-play-fair/)

Wer unterstützt PLAY FAIR – RESPECT MUSIC?

“Die Initiative versteht sich als Gemeinschaftsprojekt der Hochschule für Musik und Theater Hannover, dem Verband Deutscher Schulmusiker und dem Bundesverband Musikindustrie. Neben weiteren Verbänden und Initiativen zählen auch musikpädagogische Verlage sowie Universitäten und Musikhochschulen zu den Projektpartnern.” (Quelle: http://www.playfair.hmtm-hannover.de/de/ueber-play-fair/)

Mit diesen “mächtigen” Projektpartnern stellt das Projekt ein Schwergewicht in der aktuellen Richtungsweisung der Musikpädagogik dar. Es wurden Unterrichtsmaterialien, Lehrveranstaltungen und Workshops angeboten und ein Forschungsbericht erstellt. Nach meinem Kenntnisstand wurde es aber bis jetzt nur wenig kritisch überprüft. Dieser Artikel soll über das Projekt “Play Fair – Respect Music” hinaus (musik- und medien-)pädagogische Ansätze kritisieren, die zu leichtfertig das bestehende Urheberrecht untersützen oder gar eine Ausweitung der Urheberrechte (wie es mit ACTA vorgesehen ist) akzeptieren, anstatt ein Überdenken der Situtation im digitalen Zeitalter auf Basis einer Freien Kultur zu erwägen. Einer meiner zentralen Kritikpunkte ist, dass das Projekt eng mit dem Bundesverband Musikindustrie zusammen arbeitet(e), der sich v.a. durch seine Positionierung PRO ACTA und Forderungen für die verschärfte Abmahnungen und Bestrafungen von illegalen Down- und Uploads bemerkbar macht. In dem Artikel “PlayFair – Respect Music: Musikindustrie-Lobbying an Schulen” vom 30. März 2009 von Ilja Braun auf irights.info wurde bereits auf Gefahren dieser Zusammenarbeit hingewiesen – offizielle Reaktionen blieben aus. Auch das NMZ-Interview mit Prof. Dr. Bäßler, worin er behauptet, dass das heutige Bewusstsein Jugendlicher bezüglich illegaler Musikdownload-Handlungen abgekoppelt sei von ethischen Haltungen und dass ein neues “Klima der Wertschätzung” nötig sei, lässt erkennen, wie kontraproduktiv derartige Ansätze für eine freie Bildung sind, denn hier wird das Wertschätzen von Musik im Namen eines “fairen Umgangs mit Musik” stark gekoppelt an wirtschaftliche Interessen der Musikindustrie und die Ausweitung von Urheberrechten im Internet. Man muss sich fragen: Ist das fair?

Hier nun meine Mail vom 3. Februar 2012 an die Verantwortlichen von “Play Fair – Respect Music” – bis heute ohne Antwort…

“1. Finden Sie es wirklich richtig, dass Sie mit Ihrem pädagogischen Projekt den wirtschafltichen Interessen der Musikindustrie folgen? Welchen Sinn sehen Sie wirklich in der Zusammenarbeit? In dem NMZ Interview mit Daniel Badke wird genau diese Frage gestellt, aber die Antwort lässt meiner Meinung nach viele Frage offen. Da ist von Musikvielfalt als Basis für die Ökonomie der Musikindustrie die Rede, aber für mich ergibt sich daraus keine pädagogische Begründung. Natürlich brauchen wir kulturelle Vielfalt, aber die wird doch teilweise von der Musikindustrie gerade eingeschränkt , indem die Urheberrechte es verhindern, dass Menschen vielfältig mit Musik umgehen können. Die Vielfalt besteht doch nicht nur in der Vielfalt der Musiker, die durch die Musikindustrie vertreten werden, sondern gerade auch durch die Digitalisierung auch aus “Prosumenten”, denen die technischen Möglichkeiten geben wurden, nicht nur passiv sondern aktiv und kreativ mit Musik umgehen zu können, indem sie Musik unter Filme bei youtube schneiden oder Remixe und Mixtapes erstellen und diese online stellen. Wird kulturelle Vielfalt nicht viel besser und viel mehr im Sinne einer freien Bildung von Alternativen wie den Creative Commons verkörpert als von Prof. Dieter Gorny? Wieso haben Sie sich nicht entschieden, mit einem solchen Ansatz ihr Projekt zu fundieren?

2. Den Ansatz, den Sie mit Ihrem Projekt wählen, beim Wertschätzen der Musik anzusetzen, finde ich grundsätzlich zunächst einmal sehr richtig, aber in ihrem Forschungsüberblick 2009 treffen Sie direkt zu Beginn eine Aussage, die ihrem Konzept zugegen läuft. Dort steht: “Änderung des Musikkonsums: Musik zu teilen, seinen Freunden zu empfehlen und sie kopieren zu können ist den Jugendlichen sehr wichtig. Diese Nutzungsmöglichkeiten machen für sie den Wert von Musik aus.” Neben dem Wert Musik zu lieben und zu teilen fällt es mir schwer den Wert, den Sie mit Ihrem Projekt im Blick haben, herauszufinden. Mir fällt da hauptsächlich der finanzielle Wert ein, dass Musik etwas kosten muss, damit es Wert geschätzt wird (Ist das wirklich so?), was ja auch die Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Musikindustrie erklären könnte. Ich möchte Ihnen hier aber nicht vorwerfen, dass Sie wirtschaftlichen Interessen folgen würden, denn ich hoffe sehr, dass das nicht der Fall ist. Vielmehr möchte ich aber kritisieren wie Sie mit “Play Fair – Respect Music” einen musikpädagogischen Ansatz entwickeln, ohne die Thematik grundlegender anzugehen. Die einfache Rechnung, die sie aufstellen: “Musikalben illegal Filesharen” = “geringere Wertschätzung der Musik”, greift sehr kurz, denn ihr Ansatz hinterfragt nicht (wenn doch, belehren Sie mich eines Besseren), ob das derzeitige Urheberrecht, wie es von der Musikindustrie und der Bundesregierung gefördert und gefordert wird, wirklich DIE Lösung ist für die Herausforderung der digitalen Kopie und für die sich die Musikpädagogik einsetzen sollte. In dem Buch “Mashup-Lob der Kopie” von Dirk von Gehlen (2011) sind viele interessante Ansätze zu dem Thema zu finden, die gerade die Haltung, dass das Kopieren von Musik, der Musik an sich schade, hinterfragen und von Slogans wie “Copy kills music” und  “pro Music” wegkommen möchten. Ihr Slogan “Play fair – respect music” ist, wie sie es selbst in Ihrer Forschungsübersicht schreiben, in diese Gedankengänge einzuordnen und versucht nicht alternative Denkrichtungen in Bezug auf die Kopie einzuschlagen, sondern eher SchülerInnen durch Repression (Begriffe wie “Raubkopierer”) dazu zu bringen, den “wahren” Wert von Musik schätzen zu lernen, indem sie lernen, sich im rechtlich legalen Raum zu bewegen.

3. Beim Thema FileSharing schreiben Sie in Ihrem Forschungsbericht, dass die Jugendlichen, die FileSharing als internalisiertes Verhalten nutzen, leider nur schwierig davon abzubringen sind. Sie möchten die SchülerInnen vom FileSharing abhalten, indem sie “Filesharing” kognitiv verknüpft mit dem “Ladendiebstahl der Lieblings-CD” ins Bewusstsein der SchülerInnen bringen wollen? Daraufhin ergründen Sie in Ihrer Forschungsübersicht 2009 die “fadenscheinigen” Rechtfertigungen der SchülerInnen für illegale Downloads. Ist es an diesem Punkt nicht angebracht, FileSharing, Downloads und Piraterie von einem neutralen Standpunkt aus zu bewerten – oder von einem musikpädagogischen Standpunkt aus? Lohnt es sich nicht zu fragen, welche positiven Aspekte FileSharing für Musik und Bildung hat anstatt damit zu argumentieren, dass Musiker weiterhin Geld mit Musik verdienen können müssen? Lawrence Lessig beschreibt in seinem Buch “Free Culture”, dass FileSharing sehr differnziert betrachtet werden muss, weil es eine Form des Austausches mithilfe neuer Technologien ist. Man teilt, zeigt und entdeckt Musik. Natürlich bezeichnet die Musikindustrie diese Downloads als illegal, was nach geltendem Recht ja auch in vielen Fällen stimmen mag, aber Lessig fordert dazu auf, den Zweck von FileSharing und den wirklichen Schade, den es “der Musik” zufügt in einem ersten Schritt zu untersuchen, bevor Jugendliche kriminalisiert und für ihr Verhalten bestraft werden. Und Sie unterstützen meiner Meinung nach mit Ihrem Projekt genau diese letze Auffassung, dass geistiges Eigentum im Zeitalter des Internets und der digitalen Kopie stärker geschützt werden müsse, um “fair” zu bleiben. Das sind genau die Vorhaben, die mit PIPA, SOPA und ACTA versucht wurden und werden, gesetzlich zu verankern. Der weltweite aktuelle Protest dagegen zeigt meiner Meinung nach, dass das Urheberrecht, wie wir es heute kennen, eben nicht “fair” ist und an die Digitalisierung angepasst werden muss und wenn Sie mit Ihrem pädagogischen Projekt sogar den Interessen der Musikindustrie, die die Urheberrechte immer weiter ausweiten möchte, folgen und Aufklärungskampagnen (=Drohungen) über juristische Verfahren als Mittel zum Wertschätzen der Musik betrachten, dann sehe ich das wirklich als Gefahr für die Freie Kultur.”

Ich hoffe auf baldige Stellungnahmen der Verantwortlichen der HMTM Hannover, von Play Fair-Respect Music, dem Verband deutscher Schulmusiker e.V. und dem Bundesverband Musikindustrie und werde natürlich hier darüber berichten.

Weitere kritisch zu hinterfragende Links, die in ähnliche Richtungen gehen wie “Play Fair – Respect Music”:

Und noch ein Link zu einem erfrischenden Artikel aus dem NMZ vom 03.01.2009 von Theo Geißler , der meiner Meinung nach in eine ähnliche Richtung zielte wie ich.

+++Update 28.2.2012+++

Ich habe mittlerweile Stellungnahmen von Prof. Bäßler und auch des AfS erhalten, darf sie aber leider noch nicht hier veröffentlichen, doch so viel sei gesagt: Sie bestärken mich darin, dass ich in eine richtige Richtung argumentiere. Bald mehr dazu…

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