Kampf um Kultur: Zu den Parallelen von Kulturinfarkt- und Urheberrechtsdebatte

Neben der regen Urheberrechtsdebatte wird zurzeit heftig über das Buch „Kulturinfarkt“ und darin angesprochene kulturpolitische Überlegungen hinsichtlich Umverteilung und Legitimation von staatlichen Kultursubventionen diskutiert. Wird an der Bevölkerung vorbei gefördert? Wieso wird hauptsächlich Hochkultur unterstützt? Wie sieht die Zukunft der Kultursubventionen in Deutschland aus? Die Parallelen zur Urheberrechtsdebatte sind erstaunlich:

Ausgelöst wurde die Diskussion durch das Buch „Kulturinfarkt“, in dem die vier Autoren mit der provokanten These, die Hälfte der Kultureinrichtungen müsse geschlossen werden, eine Diskussion über das Thema anstoßen möchten und die derzeitige Kulturpolitik in Deutschland kritisieren. „Kultur für alle“ sei gescheitert, weil nur 10 % der Bevölkerung die Angebote der etablierten Institutionen nutzen würden. Prof. Dr. Dieter Haselbach, einer der Autoren, äußert sich zum Buch im Kulturzeit-Interview, sieht sich aber durch die Reaktionen auf die Veröffentlichung gezwungen, seine Position als Geschäftsführer des Kulturzentrums auszusetzen. Ich selbst habe das Buch noch nicht gelesen, es mir aber bestellt und werde zeitnah genauer über den Inhalt berichten. Jedenfalls äußert sich die Berliner Piratenpartei ähnlich provokant indem sie die Deutsche Oper in Berlin schließen möchte, um mit den Geldern kleinere Projekte der „Freien Kultur“ zu fördern. So fragt Christoph Lauer, wie wir auch andere Kulturbereiche neben der „klassischen Kultur“ fördern können. Kulturzeit von 3sat stellt diese Positionen genauer vor und meint, dass eine Umverteilung hin zur Förderung der sogenannten „Freien Kultur“ eigentlich eine gute Idee sei. In eine ähnliche Richtung weisend äußern sich Prof. Dr. Hans Neuhoff und Jan Peschlow in ihrem Artikel „Die Konzertpublika in Deutschland“ im Musikforum 04/2011 (Seite 8-13). Sie sehen das Konzertleben in Deutschland vor und in tiefgreifenden Änderungssprozessen. Grund dafür sei neben dem demografischen Wandel (Bevölkerung schrumpft und mehr Menschen mit Migrationshintergrund) der technikinduzierte kulturelle Wandel im Musikbereich.

Auf der anderen Seite äußern sich prominente Künstler und Kulturpolitiker kritisch gegenüber diesen provokanten Thesen. Ähnlich wie beim Thema „geistiges Eigentum“ und Urheberrecht werden die genannten Argumente der Kulturinfarkt-Autoren vielfach als „Abschaffung der Kultur“ bezeichnet. 50 Prominente (vergleichbar mit 51 Tatort-Autoren oder „Mein Kopf gehört mir“ von 100 Kreativen im Handeslblatt) sprechen sich für die Kulturförderung aus. Mario Adorf und Martin Roth äußern sich sehr kritisch gegenüber den „unsinnigen“ Vorschlägen des Kulturinfarkts. „Altbekannte“ aus meinem Blog kritisieren ebenfalls: Olaf Zimmermann und Gerald Mertens (bei Freie Kultur und Musik hier und hier). Das ARD-Magatin Titel Thesen Temperamente konstatiert, dass das Buch die richtigen Fragen stelle, aber kein wichtiger Beitrag zur Debatte sei. Tenor dieser Stimmen ist, dass das Buch Kulturinfarkt die flasche Nachricht sei in Zeiten, in denen Kultur eh schon für jede Subvention aus der deutschen Politik kämpfen müsse und etliche öffentliche Kulturinstitutionen unterfinanziert seien.

„Geistiges Eigentum“ scheint genauso wie die „Kultursubventionen“ für viele im Kultursektor Tätige ein Tabu zu sein. Man kann sich fragen, ob die Autoren des Kulturinfarkts mit ihrem, wie sie ihn selbst beschreiben, polemischen und brutalen Vorschlag einen wichtigen Beitrag zur Debatte liefern. Dass über die Themen aber diskutiert werden muss, halte ich aufgrund von technischen Entwicklungen und Statistiken zu KonzertbesucherInnen und zur Demografie und Migration für unumgänglich. Dieses Ziel haben die Autoren bereits ein Stück weit erreicht. Ähnlich wie sich die Geschäftsmodelle der Musikindustrie des 20. Jh. an die Digitalisierung anpassen müssen, sollte auch über eine sinnvolle Kulturpolitik diskutiert werden. Das Problem dabei ist aber natürlich wie beim Urheberrecht das liebe Geld: Die öffentlichen Ausgaben für Kultur sind eh schon niedrig und so klagt zum Beispiel die Oper Köln über zu wenig Mittel: Kampf um Kultur. Daher ist wie beim Urheberrecht schnell vom „armen Künstler“, „Verarmung an kultureller Vielfalt“ und Gefahr für die kulturelle Landschaft in Deutschland die Rede. Und wieder ist die Piratenpartei – wie beim Urheberrecht oft falsch verstanden – mitten drin in der Debatte.

Das sind die Parallelen und ich werde versuchen, mich weiterhin mit beiden Debatten auseinanderzusetzen.

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2 Antworten zu Kampf um Kultur: Zu den Parallelen von Kulturinfarkt- und Urheberrechtsdebatte

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