Re:publica-Highlights: Dirk von Gehlen und Till Kreutzer

Auf der Re:publica 1012 haben mir Dirk von Gehlens und Dr. Till Kreutzers Vorträge in Bezug zum Thema Urheberrecht am besten gefallen und ich halte sie für sehr wichtige Beiträge zur festgefahrenen Urheberrechtsdebatte:

Dirk von Gehlen – Mashup

In seinem Vortrag auf der Re:publica 2012 bezieht sich Dirk von Gehlen in weiten Teilen auf sein Buch Mashup-Lob der Kopie, das ich an dieser Stelle bereits empfohlen hatte. Er stellte zunächst heraus, dass alle auf den Schultern von Riesen stehen. Kopieren sei nichts was man intentional tut – es ergebe sich einfach und Schaffende seien dadurch zahlreichen Einflüssen ausgesetzt. Darum betont er immer wieder die Kopie als Kulturtechnik: „Man kann nicht nicht kopieren!“ Die ganze Kultur beruhe auf Nachahmung. Zentrale Aspekte der digitalen Kultur sind für ihn:

  • Die digitale Kopie, mit der „Originale“ identisch dupliziert werden können.
  • Die Beteiligungskultur (Lawrence Lessig: Von der Read-Only- zur Read-Write-Society): Als Beispiel führt er den NumaNumaGuy an, dessen zahlreiche Kopierer sich in eine Gruppe einschreiben und damit Kultur schaffen.
  • Die Meinungsäußerung über digitale Medien von Menschen, die digital kopieren.
  • Das Diebstahl-Dilemma (Die Welt besteht aus Teilen (Brot für die Welt) vs. Raubkopierer sind Verbrecher)

Für von Gehlen ist es eine moralische Unverschämtheit, eine Datei nicht zu verschicken, wenn die Möglichkeit dazu besteht und argumentiert damit erfrischend anders als die Content-Industrie. Die Kampagnen der BVMI, so seine Vorhersage, werden nie an ihr Ziel führen. Stattdessen zeigt er anhand Deichkinds „Illegale Fans“ auf, welche Gefahren sich aus der Kriminalisierung Jugendlicher ergeben: In dem Song wird die Kriminalisierung zu einem eigenen Lebensgefühl stilisiert und zum Lebensgefühl von Popkultur mit der Abgrenzung zur Elterngeneration. Kriminalisierung würde damit zum Disitinktionsmerkmal, wodurch die Realität das Urheberrecht schneller abschaffe als irgendeine Partei.

In seinem Vortrag plädiert von Gehlen schließlich für folgende Punkte:

  • Ein neuer Begriff des Originals, das rein technisch nicht mehr unterscheidbar sei von der Kopie: Originalität ist nicht binär (Original-Kopie)! Originalität ist skaliert (Es gibt Versionen/Updates). Kultur müsse deshalb als Software und in Prozessen gedacht werden, nicht in fertigen Produkten.
  • Die lobenswerte Kopieals Grundlage der Kultur:
    • Benennung der Quellenangaben
    • Neuer Zusammenhang
    • Eigenschöpferisches Element
  • Einführung einer Kulturflatrate, die heute bereits über die Leermedienabgabe und die GEMA sowie GEZ-Abgaben realisiert sei: „Ich finde die Kulturflatrate beschissen, aber die es gibt keine bessere Lösung.“
  • Lösung mit nicht gegen Kopie
  • Die Debatte braucht dringend eine andere Wendung, denn es gibt eine neue Realität.

Dr. Till Kreutzer – Urheberrecht 2037 – Eine Vision wider dem Kulturpessimismus

Dr. Till Kreutzer, Rechtsanwalt und Redakteur bei irights.info, hat nach seinem  Vortrag auf der Re:publica 2011 in diesem Jahr mit seiner Urheberrechtsvision einen wichtigen Beitrag zur Debatte geliefert.

Zu Beginn seines Votrags betonte er, wie wichtig ein gewisser Kulturoptimismus für die Debatte und eine derartige Vision sei. Die kulturelle Realität im Jahr 2037 sieht seiner Meinung nach so aus, dass die Anzahl an Kreativgütern so hoch wie noch nie sein werde, wobei 90% aller Kreativgüter frei im Netz verfügbar sind. Die Bedeutung der sogenannten creative economy werde weiterhin steigen und noch nie haben so viele mit kreativem Schaffen so viel Geld verdient. Für Kreutzer ist klar, dass sich ein Wandel von Märkten und Geschäftsmodellen vollziehen werde, der v.a. durch den Abschied von der Kontrollidee gekennzeichnet sei. Im Jahr 2037 habe sich die normative Kraft des Faktischen durchgesetzt und an diese Realität haben sich neue Märkte und Geschäftsmodelle angepasst, die für viele Kreativschaffende funktionieren. Es gibt neue Anreize, damit Menschen kreativ sind (wenn sie das überhaupt brauchen) und damit in kreative Güter investiert wird.

Zurück von der Copy-Economy zur Creative-Service-Economy: Differenzierte Anbieterstrukturen mit alten und neuen Marktteilnehmer werden nach Kreutzer im Jahr 2037 die Kreativwirtschaft bestimmen, wobei die Diversifizieruzngstendenzen gut für den Markt sind. Dabei gibt es multiple Einnahmequellen. Die klassischen Verwerter haben sich im Jahr 2037 vom Produkt- zum Multiservice-Anbieter gewandelt: „Man muss auf das einizige setzen, was man nicht kopieren kann: Den Service. Service kann man nicht kopieren.“ Wichtig wird außerdem die Aufmerksamkeitsökonomie. Die vielen Flüsse von Einnahmen bedeuten aber nciht, dass die Musikwirtschaft verschwindet.

Diversifizierung der Regulierungssysteme: In 25 Jahren findet Regulierung über den Markt, indem man den Kunden da abholt, wo er ist und das heißt mit weniger rechtlicher Regulierung. Die Zugangskontrolle zu den Services wird zur technischen Regulierung, wobei DRM dann keine Rolle mehr spielt. Im Gesetz hat sich im Zuge internationaler Rechtssetzung und Problemen mit dem globalen Internet im Jahr 2037 Soft-Law etabliert. Wie sieht das Urheberrecht 2037 aus?

Urheberrecht 2037: Ist das Urheberrecht tot? Nein! Es bleibt, so Kreutzer, ein wesentliches Instrument, könnte aber nicht mehr „Urheberrecht“ heißen, weil es stärker zum Ausgleichsinstrument zwischen den verschiedenen Interessen werde, die vom Grund her gleichwertig sind. Die Schaffung eines Ordnungsrahmen, der eher offener als noch konkreter und präziser ist, sei 2037 das Ziel, um mit dynamischen und zukünftigen Sachverhalten flexibel umgehen zu können. Damit würde sich das Urheberrecht dem angelsächsichen Fair Use-System annähern. Kreutzer betont, dass die Privatperson im Alltag nicht mehr abhängig vom Urheberrecht ist und man zurück zum eigentlichen Zweck staatlicher Regulierung komme: Rechtssetzung statt Rechtsdurchsetzung! Das sei wichtig, da Rechte, die nicht akzeptiert werden, wertlos seien.

Nahc Kreutzer haben im Jahr 2037 die Akteure in dercreative economyerkannt, dass Monopolrechte, die man nicht durchsetzen kann, Kollateralschäden haben. Die Neuordnung und -gewichtung der Regelungsinstrumente mit dem Grundsatz „Vergütung vor Kontrolle“ ist die Folge davon. Schutzfristen werden drastisch gekürzt und man setzt stärker auf die Idee, „weil es eh gemacht wird, wird zentral Geld eingenommen und verteilt.“ Darüber hinaus wird das Urhebervertragsrecht gestärkt gegenüber Buy-out-Verträgen, was eine Stärkung der Position von Urhebern gegenüber Verwertern bedeutet. Lizenzen funktionieren 2037 über automatisierte Systeme.

Am Ende des Votrags versucht Till Kreutzer die heutige Urheberrechtsdebatte auf die Konsenssuche herunterzubrechen, die auf der Frage basiert:

Werden Kopien von Musik in einigen Jahren aus dem Netz verschwinden?

NEIN! Dies sei der von den meisten geteilte Konsens, um sich konstruktiv damit auseinander zu setzen. Damit würde eine Abkehr von der Brachialkonfrontation, wie wir sie heute zwischen „Wir sind die Urheber“ und „Wir sind die Bürger“ erleben, ermöglicht. Seinen Vortrag beendete Kreutzer mit den Worten:

Netz ist Kultur!
Die Zeit wird langsam knapp!

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4 Antworten zu Re:publica-Highlights: Dirk von Gehlen und Till Kreutzer

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