Morgen ist der zwielichtige Aktionstag „Wert der Kreativität“: Warum noch so ein Aufruf?

Unter dem Motto „Wert der Kreativität“ und „Kultur gut stärken“ findet morgen, am 21. Mai 2012, dem internationalen Tag der kulturellen Vielfalt, ein deutschlandweiter Aktionstag statt. Initiator ist der Deutsche Kulturrat mit dessen Geschäftsführer Olaf Zimmermann, der schon seit einiger Zeit dazu aufruft, sich kreativ an diesem Tag zu beteiligen, um für den „Wert der Kreativität“ zu werben. Zimmermanns Beschreibung der Absichten zu diesem Tag kann hier nachgelesen werden.

Das Motto ist bekannt, denn schon vor einigen Jahren veröffentlichte Olaf Zimmermann im Schott-Verlag das Spezialheft ebenfalls unter dem Titel „Wert der Kreativität“ (hier als e-Paper), das von Kampagnen begleitet auf SchülerInnen und deren Umgang mit Musik abzielt und ihnen auf realtiv einseitige Art und Weise den Wert der Kreativität nahebringen möchte. Die Parallelen zu „Play Fair – Respect Music“ sind erstaunlich. Wer möchte, kann gerne selbst einen Blick in das Heft werfen, aber ich werde an dieser Stelle nicht versuchen, die Absichten und Interessen der Unterstützer (GEMA, BVMI) genauer zu analysieren. Aber ich halte es für sehr wichtig darauf aufmerksam zu machen, was für eine Geschichte sich hinter dem Deutschen Kulturrat und seinem Motto „Wert der Kreativität“ versteckt.

An anderer Stelle habe ich bereits darauf hin gewiesen, dass Olaf Zimmermann lobenswerterweise selbst einsieht, dass einige Dinge damals falsch liefen und dass er an dem Aktionstag auch zum Dialog aufrufen möchte. Im Zuge der ACTA-Demonstrationen lud Zimmermann gar die „Netzaktivisten“ dazu ein, am Aktionstag teilzunehmen. Denn dass die Themen Urheberrecht, Wertschätzung von Kunst und Einkommensmodelle für Kreative derzeit sehr kontrovers und vielseitig von vielen Interessengruppen diskutiert werden, ist mittlerweile wohl jedem klar geworden. Wie der Aktionstag morgen im Detail ausgestaltet werden wird, bleibt abzuwarten, aber ich halte es für wichtig noch mal auf einige Absichten des Deutschen Kulturrats und des Deutschen Musikrats hinzuweisen:

Warum noch so ein Aufruf?

Sehr problematisch finde ich, dass der „dialogische Aktionstag“ begleitet wird von einem erneuten Aufruf ein Schreiben zu unterzeichnen. „Zeichen setzen! Aufruf: Für kulturelle Vielfalt im Internet“ tritt die Nachfolge von „Mein Kopf gehört mir“ und „Wir sind die Urheber“ an und setzt wieder auf  ähnliche Argumentationsmuster: „Nur ein starkes Urheberrecht kann unsere kulturelle Vielfalt in der digitalen Welt sichern und ist damit auch im Interesse der Nutzer.“ Die Formel „Starkes Urheberrecht = Sicherung kultureller Vielfalt“ ist u.a. aus Sicht von Lessigs Free Culture eine gefährliche und falsche Aussage, weil ein noch stärkeres Urheberrecht kulturelle Vielfalt ebenso unterbinden kann, indem es den Urhebern und den Urheberrechtsbesitzern zu viele Monopolrechte zuspricht und damit Kreativität nicht erlaubt. Wie dieses starke Urheberrecht aussehen soll und was die Nutzerinteressen dabei sind bleibt in dem Schreiben natürlich völlig unklar. Und was heißt eigentlich „stark„? Härtere Strafen? Akzeptanz bei der Bevölkerung? Cool? Das Urheberrecht dürfe „nicht ausgehöhlt werden“ und müsse „auch in Zukunft das Recht der Urheberinnen und Urheber bleiben“, heißt es weiter. Dazu meint Dr. Till Kreutzer, dass das Urheberrecht in 25 Jahren nicht mehr Urheberrecht heißen könne, weil es zu einem wirklichen Ausgleichssystem zwischen gleichberechtigten Interessen werden wird. An dieser Stelle sei noch mal auf die tiefgreifenden Änderungen hingewiesen, die die Digitalisierung mit sich bringt: Die digitale Kopie und die Loslösung der Inhalte vom Datenträger (Dirk von Gehlen). Wenn überhaupt, dann höhlen diese unwiderrufbaren Prozesse und die konfrontative Haltungen der Content-Industrie, vieler „Wir sind die“-Urheber und auch der gegenüberliegenden Seite das Urheberrecht aus. Der Aufruf setzt erneut auf Konfrontation, bietet keine neuen Lösungsansätze und verschärft damit die Grabenkämpfe, wie es u.a. in der Zeit bereits kritisiert wurde. Stattdessen wird die plakative Drohkulisse aufgebaut, die Sicherung des Urheberrechts sei eine „existenzielle Frage“ für Hunderttausende und einen ganzen Wirtschaftszweig. Und das ganze geschieht zudem gefährlicherweise unter dem Deckmantel der kulturellen Vielfalt: „Kulturelle Vielfalt basiert wesentlich auf der Arbeit der professionellen Kulturschaffenden.“ Wieder durften natürlich die „typischen“ Berühmtheiten zuerst unterzeichnen, u.a.:

  • Prof. Udo Dahmen (künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg)
  • Dr. Tilo Gerlach (GVL-Geschäftsführer)
  • natürlich Prof. Dieter Gorny (BVMI)
  • Christian Höppner (Generalsekretär des Deutschen Musikrates)
  • Gerald Mertens (Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung; im Dialog mit mir hier)
  • Staatsminister Bernd Neumann (sein 12-Punkte-Papier in der Kritik)
  • Ein gewisser Bernhard Freiherr von Loeffelholz
  • Olaf Zimmermann
  • Ulla Schmidt, Brigitte Zypries

Der zwielichtige vom Deutschen Kulturrat initiierte Aktionstag „Wert der Kreativität“, der zum einen zum offenen und kreativen Dialog aufruft, aber zugleich mit einem neuen plumpen Aufruf à la „Wir sind die Urheber“ daher kommt, konnte aufgedeckt werden. Die mächtigen Interessengruppen dahinter geben vor, ergebnisoffen diskutieren zu wollen, aber ihre Absichten sind eindeutig und das wird sich auch in der Gestaltung des Tages wiederfinden. Ein Beispiel für die einseitig argumentierende Aktionen scheint 5 vor 12 – Wert der Kreativität („Wir stehen für den Schutz des geistigen Eigentums in Wort, Bild und Ton.“ „Kein Geld für Kreative Köpfe- zurück in die Steinzeit„) zu sein, das ich morgen besuchen möchte.

Ich frage mich: Warum noch so ein Aufruf? Wieso ist kein echter Dialog möglich?

Abschließender Hinweis: 3sat sendet morgen um 19:20 ein Kulturzeit extra mit dem Titel „Strg + C – Kunst, Kommerz und das freie Netz“ eine vielversprechende Sendung anlässlich des Aktionstages, bei dem verschiedene Meinungen diskutiert werden sollen.

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2 Antworten zu Morgen ist der zwielichtige Aktionstag „Wert der Kreativität“: Warum noch so ein Aufruf?

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