Kulturinfarkt, Kulturkampf, Kulturpolitik: „Kultur für alle“ oder Platzhirschgehabe?

Das Thema Kulturpolitik ist mindestens genauso komplex wie das Thema Urheberrecht. Eine Vielzahl von Interessen ist involviert und die sozioökonomischen Zusammenhänge sind komplex. Und das alles in einem sogenannten „Kulturstaat“, der sich in Deutschland „historisch gewachsen“ und „einmalig“ im Kultursektor engagiert. Schon seit mindestens zwei Jahrzehnten wird Kulturpolitik von mächtigen gesellschaftlichen Veränderungen wie Eurokrise, Globalisierung, demografischer Wandel, Migration und Digitalisierung beeinflusst. An einigen Stellen sind Anpassungen schon deutlich zu spüren, aber vieles scheint noch in veralteten Strukturen, Institutionen und Denkrichtungen verankert zu sein. Deshalb möchte ich u.a. eine Stellungnahme von Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, zum „Kulturfinfarkt“ hinterfragen.

Quelle: WDR3

Es braucht, so Peter Wicke, viel Mut mit einem so provokanten Buch wie dem „Kulturinfarkt“ den Plan zu haben, heftige Reaktionen auszulösen, von denen ich einige bereits hier beschrieben habe. So sieht sich Prof. Dr. Dieter Haselbach, einer der Autoren, dazu gezwungen, die Geschäftsführung der Zentrums für Kulturforschung niederzulegen. Doch war diese Polemik nötig, um die Diskussion endlich voran zu bringen? Wieso sind die Reaktionen so heftig, obwohl die angesprochenen Themen bereits alle seit einiger Zeit diskutiert werden?

Unabhängig von Kulturinfarkt haben u.a. Prof. Dr. Hans Neuhoff und Jan Peschlow die Auswirkungen von Migration und demografischem Wandel auf die Nutzerzahlen „klassischer Kulturangebote“ wie Oper und Theater untersucht. Ihre Prognosen für die Kulturförderung, wie wir sie heute kennen, lauten: Verschlankung, Marktorientierung, mehr Nachfrageorientierung, Trend zum Festival (keine langen Verpflichtungen und Ausgaben), Proportionaler Anstieg populärer Stile (Musikforum 04/2012: S. 8-13). Sie behaupten weitergehend, der Kulturbetrieb befinde sich bereits heute in diesen tiefgreifenden Änderungsprozessen.

Der Deutsche Kulturrat setzte sich ebenfalls u.a. bereits 2009 in der Veröffentlichung „Kulturelle Bildung: Aufgaben im Wandel“ mit möglichen Konsequenzen von demografischem Wandel, Interkulturalität, frühkindlicher kultureller Bildung und neuen Medien für Kulturpolitik auseinander. Darin heißt es: „Der finanzielle Engpass der Kultureinrichtungen wird sich voraussichtlich durch den Rückgang an Besuchern verschärfen.„(S. 37) Trotzdem müsse eine „Grundversorgung mit Kunst und Kultur sowie kultureller Bildung„(S.40) gesichert werden. Zum Punkt Interkulturalität und Menschen mit Migrationshintergrund heißt es:

„(…) Für die kulturelle Infrastruktur bedeutet dies, mit interkulturellen Konzepten Brücken zu bauen, um Migranten in das kulturelle Leben stärker einzubeziehen. Dazu gehört auch, bestehende kulturelle Infrastrukturen stärker für die Interessen von Migranten zu öffnen. Das impliziere auch ein Umdenken der bestehenden Programme beispielsweise von Volkshochschulen, Theatern und Opernhäusern.“

Wie definiert der Deutsche Musikrat kulturelles Leben? Haben Migranten etwa kein kulturelles Leben? Im 21. Jahrhundert in dieser Form mit einer multikulturellen Gesellschaft umzugehen zeugt von erheblicher Verspätung, heute erst ein Umdenken und den Bau von Brücken zu fordern von langer Ignoranz. Der Deutsche Kulturrat fasst die Entwicklungen der Bevölkerung mit den Schlagwörtern „weniger, bunter, älter“ zusammen. Die Diskurse werden also vom Deutschen Kulturrat auf „seine Art und Weise“ geführt, aber wie sieht die Umsetzung davon aus, welche Interessen vertritt er und wie weit ist die vielfältige kulturelle Realität von heutiger Kulturpolitik entfernt?

Wie weit ist die Kulturpolitik?

Von vielen Seiten und der Presse wurde das Buch Kulturinfarkt oft auf die Forderung zur Halbierung der Infrastruktur reduziert. Doch Olaf Zimmermann gibt in seinem Artikel „Vom Vätermord bis zur Realitätsverweigerung“ (Politik und Kultur 03/2012) zu, dass viele der gestellten Fragen richtig und wichtig seien, hält aber die undifferenzierte „auskotzende“ Polemik für schädlich und die Antworten der Autoren für sonderlich. Interkulturelle Ansätze, Öffnung gegenüber neuen (digitalisierten) Nutzergruppen und Nachfrageorientierung seien in der Mehrheit der Kultureinrichtungen bzw. in kulturpolitischen Debatten bereits etabliert – vor sich hin dümpelnde Einrichtungen die Ausnahme. Die Autoren seien somit Realitätsverweigerer und die Kulturinfarkt-Aussagen keineswegs neu. Wenn das zutreffen würde, dann wäre die Aufregung über das Buch verständlich. Nachweisen kann Olaf Zimmermann seine These aber wohl kaum. Deshalb die Frage: Sind die Kultureinrichtungen und die Kulturpolitik wirklich schon so weit? Das ist aufgrund der Diversität des Kultursektors äußerst schwierig einzuschätzen, die aktuellen Debatten über die Finanzierung von Operhäusern in Köln und Duisburg zeugen aber nicht gerade davon. Verschlankung und Rückbau werden an vielen Stellen sofort als undenkbare Schritte und Gefahren für die kulturelle Vielfalt in Deutschland abgetan während viele Einrichtungen ständig unterfinanziert sind und sich deren Situation unausweichlich noch zuspitzen wird, wie es der Deutsche Kulturrat selbst prognostiziert (s.o.). Multikulturalität im Kulturbetrieb müsste meiner Ansicht nach ganz anders aussehen, sonst wären die neue Intendantin des Maxim Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, interkulturelle Programmförderung und BesucherInnen mit Migrationshintergrund in staatlich geförderten Kultureinrichtungen keine Ausnahme mehr. „Wie weiß ist die Kunst?“, fragt da André Schmitz. Auf die grundsätzliche Kritik, dass Kulturpolitik heute hauptsächlich hochkulturelle Angebote fördere, die jedoch nur von 10% der Bevölkerung wahrgenommen werden, und popkulturelle Angebote nur einen verschwindend kleinen Teil der Förderung darstellen, gibt es keine wirklich legitime Antwort. Die Kritikpunkte der Autoren des Kulturinfarkts sind demnach alles andere als realitätsfern.

Netzpolitik vs. Kulturpolitik = Generationskonflikt mit Platzhirsch

Olaf Zimmermann sieht darüber hinaus einen interessanten Punkt in der Debatte:

„Insbesondere zwischen der sogenannten Netzpolitik und der Kulturpolitik findet aktuell ein Generationenkonflikt statt. Und das ist auch gut so. Jede Generation muss ihren Platz in den kulturpolitischen Debatten finden und behaupten. Es wird immer wieder neu ausgehandelt, wer der aktuelle Platzhirsch ist.“

Wie diese Aushandlung verläuft und ob und wie sich z.B. der Deutsche Kulturrat mit dieser „netzpolitischen Generation“ austauscht, lässt er offen. Der angesprochene Generationenkonflikt lässt sich anhand Besucherstatistiken und demografischen Wandel durchaus nachvollziehen. Doch Zimmermann entlarvt sich womöglich unfreiwillig durch seine Metapher mit dem „Platzhirsch der kulturpolitischen Debatten„. Ein Platzhirsch verteidigt sein Revier durch Kämpfe: „Werden (…) Unternehmen, Institutionen oder Produkte als Platzhirsch bezeichnet, so möchte man eher deren führende, etablierte, oft aber auch erdrückende Marktstellung beschreiben„(Wikipedia). In den letzten Jahrzehnten wurde den zahlreichen öffentlichen Kultureinrichtungen von der Kulturpolitik diese etablierte Stellung v.a. im Bereich hochkultureller Angebote zugewiesen. Das ist das Revier, von dem Zimmermann zu sprechen scheint. Dass dieses Hirsch-Revier, nämlich der Zuständigkeitsbereich der Kulturpolitik, in Zukunft ganz anders aussehen könnte, scheint in dieser Metapher keinen Platz zu haben, und dass es in der Kulturpolitik um die Verteidigung gegen jüngere Generationen gehe halte ich für sehr problematisch. Und da haben wir wieder die oft kritisierte elitäre Haltung der Kulturpolitik, die sich durch von ihr gegründete Institutionen zu legitimieren scheint, ohne grundlegende Legitimationsprobleme ansprechen zu können. Innerhalb der Kulturpolitik würde doch bereits alles angepasst und diskutiert und mit der Netzpolitik müsse man als etablierter Platzhirsch verhandeln und sich halt behaupten. Zu dieser Ansicht komme ich nach Zimmermanns Ausführungen.

Doch was muss hier verteidigt werden? Letztendlich geht es um öffentliche finanzielle Zuwendungen für den Kultursektor, die in Konkurrenz einerseits zu anderen öffentlich finanzierten Dienstleistungen und Gütern, andererseits zu nicht-subventionierten Kulturangeboten stehen. Einerseits also ein, um in der Metaphorik zu bleiben, Verteilungskampf um begrenzte finanzielle Ressourcen seitens des Staates, in dem demokratisch darüber entschieden wird, wofür und wie Geld vom Staat ausgegeben wird. Andererseits also ein Eingriff in einen Kunst- und Kulturmarkt mit seinen zahlreichen Angeboten, von denen der öffentlich geförderte Bereich nur ein kleiner Teil ist, was man bei der schnellen Rede vom „Untergang der Kultur“ nicht vergessen darf. Und wenn man genauer hinsieht, was unter Kultur und förderungswürdiger Kunst in der heutigen Kulturpolitik verstanden wird, dann darf man sich schnell fragen, für wen und was Kulturförderung pro Jahr mehr als 9 Mrd. Euro in Deutschland ausgibt und ob es wirklich um „Kultur für alle“ oder nicht doch um Platzhirschkämpfe und die Verteidigung von hochkulturellen, weißen Strukturen geht. Das zeigen die Autoren des Kulturinfarkts meiner Meinung nach deutlich auf und liefern damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte, der nicht, wie von Olaf Zimmermann vorgeschlagen, als „Unwort des Jahres“ abgetan werden sollte. Die im Kulturinfarkt vorgeschlagene Güterunterscheidung in öffentliche Güter, sowie in Konkurrenz stehende Wirtschaftsgüter und meritorische Güter, zu denen Kulturförderung zählt, könnte hier zur Entspannung der Diskussion beitragen.

Um es noch mal zusammenzufassen: Wie weit sind die Kultureinrichtungen und die Kulturpolitik bezüglich der Herausforderungen des demografischen Wandels, Interkulturalität und Digitalisierung? Sind die bestehenden Institutionen in der Lage, die geführten Diskurse und Veränderungen sinnvoll mitzugestalten oder sind andere Strukturen für eine gesamtgesellschaftliche Kulturpolitik sinnvoller? Als Teil dieser Neujustierung muss der Kulturinfarkt gesehen werden. Zimmermann schließt seine Kritik am Kulturinfarkt aber mit den Worten: „Der Umbau des Kulturbereiches findet schon seit vielen Jahren in Deutschland statt, es ist eine Tragik für die Autoren, dass sie diese Entwicklungen nicht wahrnehmen wollen.“ Doch wie dieser komplexe Umbau aussehen soll und ob die derzeitigen Verantwortlichen in der deutschen Kulturpolitik die richtigen Weichen stellen, das muss noch viel kritischer und gesamtgesellschaftlich diskutiert werden und nicht nur in den elitären kulturpolitischen Diskursen. Aufgabe der Kulturpolitik muss es also sein, keinen Generationenkonflikt heraufzubeschwören sondern ergebnisoffen mit den Veränderungen umzugehen und Interessen sowie eine sich verändernde Kulturpraxis von jüngeren Generationen flexibel zu berücksichtigen und demokratisch abzubilden. Gesamtgesellschaftliche Kulturpolitik eben und kein Platzhirschgehabe.

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