Diskussion über „Kulturradio“ auf dem Medienforum NRW

Ich komme gerade vom Medienforum NRW, an dem ich dank Prof. Dr. Peifer einen Tag lang in Köln teilnehmen konnte. Mein allgemeiner Eindruck war, dass sich das #mefo12 wie eine schicke Re:publica aufführt, aber viele Vorträge vor ziemlich leeren Rängen statt fanden und inhaltlich für mich wenig Spannendes boten.

Die beste Session war meiner Ansicht nach „Welchen Platz hat welches Kulturradio?„. Prof. Dieter Leder kritisierte in seinem Vortrag zunächst den Begriff Kulturradio, da alle Radiosender Kultur seien und es deshalb problematisch sei, dass sich einige Sender als ein solches profilieren wollen. Aufhänger der Diskussion ist die geplante Reform des WDR 3, die vom Rundfunkrat unter der Leitung von der in der Diskussionsrunde anwesenden Ruth Hieronymi unterstützt wird, aber von knapp 19.000 Unterzeichnern in dem offenen Brief „Die Radioretter“ kritisiert wird. Auf diesen Sachverhalt möchte ich hier jetzt gar nicht genauer eingehen. Spannend fand ich Leders allgemeine Ausführungen zu öffentlich-rechtlichen Radio-Programmen und warum sich diese aufgrund der Digitalisierung in einer Krise befinden. Leder beschrieb eine schleichende „Deintellektualisierung“ und „Entsubstanzierung“ der ÖR-„KulturProgramme“ vergleichbar mit den Feuilletons. Die daraus resultierende direkte Konkurrenz zu privaten Radios, in der Diskussion durch Katrin Wolfrum von Klassik Radio vertreten, stelle die Legitimationsgrundlage in Frage. Darüber wurde u.a. auch in der Breitband^2-Sendung „Grundversorgung 2.0“ vom DeutschlandRadio berichtet. Darin geht es u.a. um den Kern ÖR Grundversorgung und die Frage, warum ÖR Sender depublizieren bzw. ihre Inhalte nicht unter CC-Lizenzen im Internet zur Verfügung stellen:

Wieder zurück zu Leders Vortrag: Er stellte fest, dass die Krise für das Radio nichts neues sei. Konkurrenz durch den Fernseher und der anhaltende Siegeszug populärer Kulturinhalte, gegen die sich sich der WDR lange verwehrte bis er in den 1980ern stilistisch unterschiedliche Programme einführte, seien ähnlich große Herausforderungen gewesen. Das Internet erzeuge für die ÖR Radios das Problem, dass die Hörer eigene Programmchefs z.B. via last.fm und Streaming-Angeboten werden und jedes mobile Telefon heute besser und schneller als ein ÖR Sender informieren könne. Als Perspektiven für ÖR-Sender nannte Leder drei Punkte: (1) Herstellung von Zusammenhängen/Kontexten (siehe DRadio Kultur), (2) Von Persönlichkeiten gestaltete Sendungen (siehe Klassikforum WDR3), (3) Zuhörer müssen entscheiden, was sie hören möchten.

Nach dieser Einfführung ging dann die Diskussion los. Volker Schaeffer redete von der „Luxus-Situation“ ÖR Sender, was ich für recht problematisch halte. Er räumte aber auch ein, dass die Sender schelchte Empfänger im Sinne schlechter Kommunikation mit den Hörern seien. Christian Höppner von Deutschen Kulturrat stellte in üblicher Mission die Bedeutung der UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt und das Defizit kultureller Bildung in Deutschland heraus. Hin und her ging es zwischen Ruth Hieronymi und Richard David Precht, weil letzterer das Durchwinken der Reform im Rundfunkrat als Fiasko bezeichnete. Dieser sei kein Kontrollgremium mehr und nicht zeitgemäß, weil er mit Vereinen und Verbänden besetzt sei, die unter 40-jährige nicht repräsentativ vertreten würden. Er plädierte für eine Erneuerung des Systems hin zu mehr Demokratie, die die jüngere Generation fordere, und ein Ende des Konformismus im ÖR Rundfunk. Ruth Hieronymi gelang es in der Diskussionsrunde meiner Meinung nach nicht, die Anwesenden mit ihren Entgegnungen zu überzeugen. Stattdessen betonte sie mehrere Male, dass man Strukturen erhalten müsse: WDR3 und WDR5 würden 50% des WDR-Etats bekommen und daran würde sie nicht rütteln lassen – die klassische Argumentation, die u.a. im Kulturinfarkt kritisiert wird. Katrin Wolfrum erläuterte, dass sich die ÖR Sender mit der Begrifflichkeit „Kultur“ schwer tun würden, was an einigen Stellen dafür sorgen würde, dass es nach „Kulturinzucht“ rieche. Die Diskussionrunde zeige, dass die anwesende Runde von Eliten ein Problem mit dem Tiefflug der Quoten und dem daran gekoppelten Bilungsauftrag habe.

Neben dem Urheberrecht und Kultursubventionen steht also auch der öffentlich-rechtliche Rundfunkbetrieb aufgrund der Digitalisierung vor erheblichen Problemen und Herausforderungen was die Nachfrage und die Legitimation angeht. Ein weiteres spannendes und komplexes Themenfeld…

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