Der technikinduzierte kulturelle Wandel und die Kulturpolitik

Technische Entwicklungen haben wie der demografische Wandel schon immer Kultur und die Produktion und die Rezeption von Kunst und Musik stark beeinflusst. Bei der in diesem Sommersemester statt findenden Ringvorlesung „Die Musik im  Zeitalter ihrer technischen (Re)Produzierbarkeit“ an der HfMT Köln wurden verschiedenste Aspekte dieser Umwandlungen diskutiert. Im Resumee sagte Prof. Hans Neuhoff, dass die Medialisierung und Technifizierung von Musik und Musikleben eine irreversible und universalhistorische Entwicklung darstellen. Zum Beispiel mithilfe der Theorie der Mediamorphosen, von Kurt Blaukopf  entwickelt und von Alfred Smudits 2002 und 2007 weiterentwickelt, könnten diese Wandlungsprozesse der Musikkultur analysiert werden, obwohl Neuhoff selbst auch Kritik an der Theorie übte. Die Mediamorphosen lassen sich in die erste graphische / schriftliche, die zweite graphische / reprographische (Buchdruck), die chemisch-mechansiche, die elektronische und schließlich die digitale Mediamorphose unterteilen. Auf einer höheren Ebene versucht der Ansatz der Mediologie, von Régis Debray begründet und bislang bis auf Ausnahmen wie Prof. Torsten Meyer relativ wenig in Deutschland rezipiert, kulturelle Übermittlungsprozesse durch Medien auf ihre sozialen und kulturellen Wirkungen zu untersuchen. Dieser interdisziplinäre Ansatz unterteilt die Geschichte vergleichbar mit der Theorie der Mediamorphosen in Sphären, die von bestimmten Medien bestimmt sind: Logosphäre (mündliche Tradierung und Handschrift), Graphosphäre (Buchdruck) und Videosphäre (Radio und Fernsehen), die sich heute im Übergang zur Hypersphäre (Internet) befindet.

Neben der verbreiteten Verschriftlichung von Musik in Europa sind für die heutige „Musikpolitik“ und den heutigen Umgang mit Musik vor allem die technischen Entwicklungen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts relevant, zu denen u.a. folgende zählen:

  • Die Verstärkung von Klängen (Mikrofon, Verstärker)
  • Die Übertragung von Klängen (Radio, Fernsehen, Internet)
  • Die Klangspeicherung (Schellack- und Schallplatte, Tonband, Kassette, CD, MP3)
  • Die Klangwiedergabe (Grammophon, Radio, Großbeschallungsanlage, HiFi-Anlage, Walk- und Discman, MP3-Player, Smartphone)
  • Die Klangsynthese (E-Gitarre, Synthesizer, Sampler, Computer)

Neuhoff hält zusammenfassend fest, dass die gewaltig anschwellende gesellschaftliche Produktivität und das Aufkommen der medienbasierten Massenkommunikation zu immer größeren Repertoires führe. Neue, rein medienbasierte Hörkulturen würden entstehen wo früher nur das Live-Erlebnis möglich war. Des Weiteren seien neue Wissens- und Präsenzformen von Musik Folgen des Medienwandels. Betonen möchte ich an dieser Stelle, dass die technischen Entwicklung zuvor undenkbare musikalische Stile und Aufführungskontexte ermöglichten. Der ganze Bereich populärer Musik, wie wir sie heute kennen, produzieren und konsumieren, ist nur aufgrund dieser neuen technischen Möglichkeiten entstanden. Seit den 1950er Jahren beobachtet Neuhoff deshalb eine „beschleunigte Diversifizierung der Musikkultur durch Medien und Musikwirtschaft.“ Vereinfacht kann man also feststellen, dass Markt und Medien demnach gut für Musik und kulturelle Vielfalt sind, was von vielen Lobbyisten mit Argumenten wie „Nur geförderte Kunst ist frei“ versucht wird zu bestreiten.

Für die klassischen Kultureinrichtungen bedeutete die zunehmende technikinduzierte Rolle Populärer Musik im kulturellen Leben der Gesellschaft eine wachsende Konkurrenz. Heute haben Menschen die Qual der Wahl, ob sie Musik in Clubs, auf Rockfestivals, im Musikstreaming, beim Autofahren oder in der Oper konsumieren. Dabei ist das schwindende Interesse an klassichen Kulturformen aufgrund der Zuwendung zu popkulturellen Inhalten vor allem bei jüngeren Generationen zu beobachten. Das findet sich zum Beispiel in der eindeutigen Grenzziehung Jugendlicher zwischen Kultur und eigener Lebenswelt wider. So heißt es im 2. Jugendkulturbarometer: „Kulturangebote werden als irrelevant für die alltägliche Erlebniswelt erachtet, während Jugend- und Popkultur als Freizeit- und Unterhaltungsangebot ohne künstlerischen Anspruch und Gehalt betrachtet werden.“ Diese Unterscheidung in Kultur als Inbegriff europäischer Hochkultur und Unterhaltung, die sich in der angeblich überwundenen aber latent überall spürbaren Trennung von E- und U-Musik und -Kunst widerspiegelt, ist ein Hauptproblem heutiger Kulturpolitik: Ist klassische Kultur etwa keine Unterhaltung? Wie kann man heute noch die starke Fokussierung der öffentlichen Förderung auf klassische west-europäische Inhalte rechtfertigen während die heutige Jugend auf Lady Gaga und Deichkind abfährt? Natürlich bedeuten diese Entwicklungen nicht, dass klassische Musik demnächst aussterben wird, aber sie wird weiter an Bedeutung verlieren, wenn nicht weiterhin mithilfe großer Anstrengungen versucht wird, Jugendliche für klassische Musik zu gewinnen oder – zynisch ausgedrückt – zu rekrutieren. Die große Frage an dieser Stelle ist wieder einmal: Will das die Gesellschaft? Das gute Image kulturpolitischer Förderung im Rechtfertigungskonsens beim Großteil der Bevölkerung wird von vielen Studien immer wieder bestätigt. Birgit Mandel stellt in ihrer Untersuchung als zentrales Ergebnis aber fest: „Kultur ist wichtig, hat aber nichts mit meinem eigenen Leben zu tun“ (2010: Nicht-Kulturnutzer. Empirische Befunde und Anreizstrategien für ein neues Publikum. – in: Hennefeld, V.(Hrsg.): Demografischer Wandel als Herausforderung für Kultur und ihre Evaluierung). Hier wird deutlich, dass Kulturpolitik in der Pflicht ist, sich stärker an den Lebenswelten Jugendlicher zu orientieren. Dabei spielen populäre und mediale Kulturerfahrungswelten eine immer größere Rolle. Sehr schwierig macht dieser Paradigmenwechsel allerdings die Beobachtung, dass sich v.a. klassische Konzerthäuser und Museen nur begrenzt auf diese Veränderungen einlassen bzw. einlassen können. Eine zunehmende Kanonisierung als Kompensation nicht vorhandener oder nicht gewünschter Möglichkeiten zur Nutzung medialer Veränderungen kann in den Konzerthäusern beobachtet werden.

Vorläufiges Fazit

Natürlich muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass Kulturpolitik bereits heute immer stärker populäre Musik in ihren Förderungsmaßnahmen berücksichtigt. Zu nennen wäre hier u.a. die Initiative Musik oder Förderprogramme wie JugendJazzt. Ob das reicht, um mit dem oben skizzierten Wandel umzugehen, wage ich zu bezweifeln, da die Förderetats für derartige Programme im vergleich zu den klassischen Künsten verschwindend gering ausfallen. Eine erste Maßnahme wäre es, dass Kulturinstitutionen stärker das Internet und soziale Netzwerke für die Kommunkation – und das meint Austausch und nicht nur Werbung – mit der Bevölkerung nutzen. Darüber hinaus muss über die oben bereits formulierte Frage nachgedacht werden, wie weit sich die Kulturinstitutionen dem technikinduzierten kulturellen Wandel öffnen müssen und ob sie das können. Sind sie die etablierten Strukturen, damit meine ich Gebäude wie Organisationsformen, in der Lage, den sich beständig weiterverändernden Kulturformen anzupassen oder profilieren sie sich gerade als Gegenpol zu aktuellen Trends? Wie legitim ist die Verteidigung geförderter Kunstformen gegenüber konkurrienden Angeboten aus der nicht geförderten Kulturwirtschaft?

In einem kommenden Artikel werde ich auf Basis des demografischen Wandels und dieses Artikels einige Paradigmenwechsel für die Kulturpolitik beschreiben.

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3 Antworten zu Der technikinduzierte kulturelle Wandel und die Kulturpolitik

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