Paradigmenwechsel und Fragestellungen in der Kulturpolitik

Der demografische und der technikinduzierte kulturelle Wandel stellen enorme Herausforderungen für die Kultur- und Bildungspolitik dar. Zentrale Punkte sind die Verkleinerung und das Älterwerden des potentiellen Publikums sowie der wachsende Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei bestehen z.T. sehr große regionale Differenzen. Übergeordnet haben sich durch die medialen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zudem die kulturellen Präferenzen stark verändert.

Auf dieser Basis zeichnen sich eine Vielzahl von Paradigmenwechseln und Fragestellungen in der Kulturpolitik und in den Kultureinrichtungen ab, von denen ich nun einige stichpunktartig aufzählen und kurz erläutern möchte. Dabei sind die von Dreyer und Hübl Stoßrichtungen für Kulturpolitik Ausbau versus Abbau, Wettbewerb versus Kooperation, Grundversorgung versus Nischenangebot und Institutionalisierung versus Flexibilisierung hilfreich:

  • Von der Förderung professioneller künstlerischer Produktionen hin zu Kulturvermittlung, Kultureller Bildung, Laienmusikförderung und komplexen Kooperationsbeziehungen = Vom Fokus auf kulturelle Institutionen hin zur Konsolidierung der Besucherschaft wie das Beispiel „Jedem Kind ein Instrument„. Zynisch könnte man behaupten, dass Kulturinstitutionen mithilfe dieses Paradigmenwechsels nur versuchen, sich weiterhin zu legitimieren, indem sie ihr Publikum „rekrutieren“. (Mit Kultureller Bildung und JeKi möchte ich mich in einem der nächsten Artikel kritisch befassen…)
  • Vom Fokus auf westeuropäische klassische Musik hin zu transkulturellen Ansätzen im Zuge vom wachsenden Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund („Gesamtgesellschaftliche Kulturpolitik“). Heutiges Ziel muss es sein, „Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zu jedweder Kulturveranstaltung zu erleichtern und Kulturvermittlung nicht als Integrationsleistung zu betrachten“ (Sina Haberkorn).
  • Kulturpolitik muss es schaffen im Sinne von „Kultur für alle“ Angebote für alle Bildungsschichten zur Verfügung zu stellen, was nicht bedeutet, nur die Schwellen für Hochkultur zu erniedrigen. Dass geförderte Kulturangebote hauptsächlich von Menschen mit höhrem Bildungsniveau genutzt werden („Das Kulturpublikum ist ein Abiturpublikum.“ (Oliver Scheytt & Norbert Sievers), wird in Zukunft im Zuge knapper Haushaltskassen verstärkt zu Verteilungskämpfen führen.
  • Was bedeutet Kulturelle Vielfalt? „Dazu muss zunächst eruiert werden, wie sich das Zusammenleben der Kulturen in Deutschland gestaltet. Grundlegend ist dabei das Verständnis von Kultur als Transkulturalität von Wolfgang Welsch“ (Sina Haberkorn): Was möchten Menschen mit Migrationshintergrund von Kulturpolitik und wie sehen ihre kulturellen Präferenzen und Praktiken aus? Wo sind Brücken möglich bzw. sinnvoll? Dabei finde ich wichtig zu betonen, dass staatlich geförderte Kultur nur einen Bruchteil von kultureller Vielfalt ausmacht, was viele Begründungen von Kulturpolitikern in einem anderen Licht darstehen lässt.
  • Vom Überangebot zum gesellschaftlich akzeptierten Angebot: „Es gibt zu viel“ (Kulturinfarkt) und die „Unterauslastung ist ein Problem für Kulturpolitik“ (Sievers). Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden wie beschrieben diese Tendenz weiter verstärken.
  • Angebotsstruktur und Gesamtcharakter der Kultureinrichtungen werden sich wandeln. Ein Beispiel für den Wandel zu besucherzentrierten Kultureinrichtungen stellt The Sage Gateshead dar. Hier wird Kultur nicht nur präsentiert sondern Besucher können selbst kreativ werden, vielfältige Angebote wahrnehmen und sich austauschen.
  • Der Wandel zu mehr Nachfrageorientierung (das könnte über mehr Selbstfinanzierung der Kultureinrichtungen (> 33% (Kulturinfarkt)) erreicht werden) und mehr Audience Development mit Zielgruppenanalysen muss verstärkt werden: „Nachfrageschaffende KP wird den klassischen Kulturbetrieb auf jeden Fall verändern – jedoch gewinnbringend für die Gesellschaft.“ (Thomas Renz)
  • Stärkerer Trend zum Festival, weil diese sich flexibeler gestalten lassen. (Neuhoff)
  • Von der Unterscheidung in E- und U-Musik hin zu neuen Förderkriterien: Wie sollen die aussehen? Welche (Qualitäts-)Kriterien sind sinnvoll? Wer entscheidet über Förderungen? Sind klare Ziele anstelle von „Förderwirrwarr„(Kulturinfarkt) möglich?
  • Wie sieht der zukünftige Umgang der Kulturpolitik mit der immer erdrückenderen Bedeutung von Populärkultur und medialem Musikkonsum als Konkurrenz aus?
  • Neue Wege für Kulturpolitik im Sinne Kultureller Bildung könnten sein, den Bezug zu Lebenswelten neuer Zielgruppen herzustellen, entsprechende Peer-Groups zu gewinnen, und die mediale Präsenz zu stärken.
  • Weg von Sekundärnutzen („Kultur als weicher Standortfaktor„, „Kultur integriert Menschen“, Musik macht intelligent„(Hans Günther Bastians Thesen aus Musik(erziehung) und ihre Wirkung (2000) sind nicht haltbar, wie Macht Mozart schlau? zeigt) hin zu Primärnutzen von Kultur. Dafür spricht sich übrigens auch schon Himar Hoffmann aus.
  • Der Gegensatz „Kultur versus Wirtschaft“ sowie die Annahme, „nur geförderte Kultur sei frei“ müssen aufgegeben werden: Im Kulturinfarkt wird, wie bereits in den vorangehenden Artikeln ausgeführt wurde, die Wirtschaft („Der Markt ist gut.“) als stärkerer Motor für kulturelle Vielfalt und Diversifizierung als der Staat beschrieben. Die Kritik an der Kulturwirtschaft komme u.a. aus der Kritschen Theorie von Adorno und Horkheimer und sei für heutige Kulturpolitik nicht fruchtbar. Kultur müsse immer wirtschaften was eine Trennung obsolet mache.
  • Kulturpolitik muss sich selbst als Bildungs- und Sozialpolitik begreifen, indem sie ästhetische Erfahrungen für Kinder und Jugendliche ermöglicht (Thomas Renz) ↔  „Kulturpolitik definiert kulturelle Bildungsziele und sichert Schnittstellen zum Bildungssektor, ohne sich als Bildungspolitik zu gebärden.“ (Kulturinfarkt)
  • Die Paradigmen des Kulturinfarkts, die ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern kann, lauten: Mündigkeit, Rationalität, Gleichberechtigung, Widerspruch

Damit sind einige Stoßrichtungen, Fragestellungen und Paradigmenwechsel für Kulturpolitik genannt. Es gibt natürlich noch mehr und alle sollten noch auführlicher <ls hier erläutert bzw. diskutiert werden. Wie an einigen Stellen angedeutet, gibt es zu den unterschiedliche Meinungen, aber ich habe versucht diejenigen herauszufiltern, die ich für sinnvoll erachte – als Beitrag zur Neujustierung der Kulturpolitik… ziemlich ambitioniert also!

Literatur:

Dreyer, M. & Hübl, L. (2007): Demographischer Wandel und kulturelle Infrastruktur: Auswirkungen und Handlungsansätze.

Haberkorn, S. (2010): Ein neues Publikum für Kunst und Kultur? – Zum Kulturverständnis und zur Kulturnutzung von Menschen mit Migrationshintergrund – in: Wolfgang Schneider (Hrsg.): Kulturelle Bildung braucht Kulturpolitik – Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ reloaded.

Haselbach, D. et al. (2012): Der Kulturinfarkt.

Mandel, B. (2010): Nicht-Kulturnutzer. Eine qualitative empirische Annäherung.

Mandel, B. (2010): Jeder hat das Recht, sich auch mit Hilfe der Künste zu verwirklichen – Kultur für alle unter den Bedingungen einer kulturell diversen Gesellschaft – in: Wolfgang Schneider (Hrsg.): Kulturelle Bildung braucht Kulturpolitik – Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ reloaded.

Neuhoff, H. & Peschlow J. (2011): Die Konzertpublika in Deutschland. In: Deutscher Musikrat (Hrsg.): Musikforum 04/2011: 8-13.

Neuhoff, H. : Konzertpublika – Sozialstruktur, Mentalitäten, Geschmacksprofile.

Renz, T. (2010): Kulturpolitik zwischen Angebot und Nachfrage – Konsequenzen aus Perspektive der Nicht-Besucherforschung – in: Wolfgang Schneider (Hrsg.): Kulturelle Bildung braucht Kulturpolitik – Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ reloaded.

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5 Antworten zu Paradigmenwechsel und Fragestellungen in der Kulturpolitik

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  3. Thomas Renz schreibt:

    Hallo Phillip!
    Vielen Dank für die sehr interessante Auflistung aktueller kulturpolitischer Ideen. Eine kleine, aber mir wichtige Anmerkung möchte ich hinzufügen: Als ein möglicher Paradigmenwechsel wird ein Wandel zu mehr Nachfrageorientierung gefordert, das ist ja eine der Kernthesen der vier Herren mit dem Infarkt. Dann werde ich zitiert mit: „Nachfrageschaffende KP wird den klassischen Kulturbetrieb auf jeden Fall verändern – jedoch gewinnbringend für die Gesellschaft.“
    Der kleine Unterschied liegt im Begriff „nachfrageschaffend“. Dies unterscheidet sich meiner Meinung nach enorm von einer „Nachfrageorientierung“. Wer sich an der Nachfrage orientiert, reagiert auf Bestehendes. Das kann in der Kultur auch schnell nach hinten losgehen, wenn nur noch Massengeschmack bedient wird. Wenn ich aber von einer „nachfrageschaffenden Kulturpolitik“ schreibe, geht es mehr darum, dass diese mit entsprechenden Förderinstrumenten noch nicht vorhandene Nachfrage schaffen muss (naja, eigentlich müssen es die geförderten Institutionen schaffen). Dabei geht es mir aber gerade nicht darum, sich am Massengeschmack anzubiedern. Es gibt bereits tolle Projekte, einige aus dem Bereich der Kulturellen Bildung hast Du ja schon aufgeführt (z.B. Jeki). Das große Problem ist ja, dass gut 50% der Deutschen sich für die bisher geförderte Kultur nicht interessiert. Wer das ändern will, muss eben Nachfrage schaffen.
    Beste Grüße
    Thomas Renz

    • Philip Stade schreibt:

      Vielen Dank Herr Renz für die Anmerkung. Die Unterscheidung von Nachfrageorientierung und Nachfrageschaffen muss ich tatsächlich klarer herausarbeiten.
      Ich frage mich beim Nachfrageschaffen allerdings, wie weit das im derzeitigen System sinnvoll möglich ist. Die zahlreichen Projekte im Namen der Kulturellen Bildung wie JeKi stehen teilweise ja auch heftig in der Kritik und zynisch könnte man sagen, dass die etablierten Kulturinstitutionen damit versuchen ihre Legitimation mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Das haben die Infarkt-Autoren finde ich sehr treffend dargestellt und so argumentieren Sie ja auch.
      Ich denke, dass Nachfrageschaffen enger verknüpft sein müsste mit Nachfrageorientierung. Es sollte nicht ein Entweder-oder sein. Wie viel Nachfrage kann der heutige Kulturbetrieb mit den kostspieligen Projekten überhaupt schaffen ohne an der Bevölkerung vorbeit zu kultivieren? Werden sich die 50% der Deutschen in 30 Jahren mehr für das Geförderte interessieren? Das wird ja von vielen bezweifelt. Wenn man sich nämlich zu stark damit zurück lehnt, dass ja per Kultureller Bildung an der schwindenden Nachfrage und damit an der Legitimation gearbeitet werde, ohne sich an der derzeitigen Nachfrage zu orientieren, was nicht zwangsläufig anbiedern an den Massengeschmack bedeutet, steht die Kulturpolitik denke ich in 30 Jahren vor ganz erheblichen Problemen. Würden Sie diese Einschätzung teilen?

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