Vom traditionellen Kulturbegriff zu Transkulturalität und hybriden Kulturen

Vor einigen Jahren habe ich diese Übersicht zusammengestellt, die einen groben Überblick über den Wandel des Kulturbegriffs ermöglicht.

1. Der traditionelle Kulturbegriff

Drei charakterisierende Momente nach Johann Gottfried Herder (1744-1803):

    • a. ethnische Fundierung b. soziale Homogenisierung c. Abgrenzung nach außen
    • Herders Kugelmodell:  Kulturen als Kugeln stoßen sich ab, was Seperatismus, Homogenität, ethnische Identität, Homogenität fördert bzw. voraussetzt.

Der traditionelle Kulturbegriff ist heute unhaltbar geworden, da ihm aufgrund der geforderten Homogenität deskriptive Differenzierungsmöglichkeiten der modernen Gesellschaft fehlen und durch die Betonung des Eigenen gegenüber des Fremden normative Gefahren entstehen.
Moderne Gesellschaften sind in sich hochgradig differenziert (Vielzahl von Lebensformen), interagieren untereinander und durchdringen sich gegenseitig.

2. Inter- und Multikulturalität (1970er in Deutschland)

Die Ansätze Inter- und Multikulturalität ergänzen das Kugelmodell, um problematische Folgen abzufangen.

Interkulturalität: Kulturen und Individuen können kommunizieren ➡ Interkulturelle Kommunikation / Kompetenz / Pädagogik
Multikulturalität: Nebeneinanderleben verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft ➡ Akzeptanz der Vielfalt als Reichtum einer multikulturellen Gesellschaft (Debatten über: Akkulturation, Assimilation, später Leitkultur)

Die Kulturbegriffe Inter- und Multikulturalität überwinden die traditionelle Kulturvorstellung jedoch nicht, da die ethnische Unterscheidung und die separierenden Schranken oft bestehen bleiben.

3. Transkulturalität nach Wolfgang Welsch (1990er)

Das Konzept der Transkulturalität benennt die veränderte Verfassung der Gesellschaften und versucht daraus die notwendigen konzeptionellen und normativen Konsequenzen zu ziehen. „Kulturen sind intern durch die Pluralisierung möglicher Identitäten gekennzeichnet und weisen extern grenzüberschreitende Konturen auf. „Kulturen […] sind transkulturell geworden“ (WELSCH 1994: 1). Zentrale Merkmale sind:

  1. Hybridisierung der Einzelkulturen
  2. Transkulturelle Lebensformen / Milieus (siehe SINUS-Studie über Migranten-Milieus (SINUS SOCIOVISION 2008))

Zentrales Element für Welsch ist die Identitätsfindung, was das Erkennen der „fremden“ Elemente in uns meint, um das Erkennen von Ähnlichkeiten mit äußeren Fremdheiten zu ermöglichen: Jedes Individuum ist transkulturell / hybrid. Wir sind alle Teil verschiedener Kulturen.

4. Hybride Kulturen

Der Ansatz der hybriden Kulturen, der auf Homi K. Bhabha zurück geht, ermöglicht es, über die Utopie der kulturellen Vielfalt hinauszugehen: „Hybrid ist alles, was sich einer Vermischung von Traditionslinien […] verdankt […], was durch Techniken der collage, des samplings, des Bastelns zustandegekommen ist.“ (BRONFEN et. al. (1997))

Literatur: AUERNHEIMER, G. (1990): Einführung in die interkulturelle Erziehung. – Darmstadt. BRONFEN, E., MARIUS, B., STEFFEN, T. (Hrsg.) (1997): Hybride Kulturen. Beiträge zur angloamerikanischen Multikulturalitätsdebatte. – Stauffenburg. GEIGER, K. F. (2003): Multicultural society and intercultural education: Debates in the Federal Republic of Germany. – in: YEOH, B. S. A., CHARNEY, M. W., KIONG, T. C. (Hrsg.)(2003): Approaching Transnationalism. – Dordrecht: 141-159. REITZ, J. G., BRETON, R., DION, K. K., DION, K. L. (Hrsg.) (2009): Multiculturalism and Social Cohension. – Berlin. Schönhuth, M. (2009): Kulturglossar. http://www.kulturglossar.de/ Zit.: 28.10.2009. SHARMA, S. (2006): Multicultural Encounters. – Great Britain. SINUS SOCIOVISION (2008): Zentrale Ergebnisse der Sinus-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland. http:// http://www.sociovision.de/uploads/tx_mpdownloadcenter/MigrantenMilieus_Zentrale_Ergebnisse_09122008.pdf 2009-26-03. TOPÇU, Ö. (2009): Super, dass du für Deutschland spielst. – Die Zeit, 43 (15.10.2009). – Hamburg: 2. WELSCH, W. (1999):Transculturality – The Puzzling Form of Cultures Today. – In: Featherstone, M., Lash, S. (Hrsg.)(1999): Spaces of Culture: City, Nation,World. London: 194-213. WELSCH. W. (1995):Transkulturalität. – Institut für Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Migration und kultureller Wandel, Schwerpunktthema der Zeitschrift für Kulturaustausch, 45. – Stuttgart. WELSCH, W. (1994):Transkulturalität – Die veränderte Verfassung heutiger Kulturen. – Europäisches Kultur- und 2 Informationszentrum Thüringen: Via Regia – Blätter für internationale kulturelle Kommunikation, 20. – Thüringen.
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