Was ist Kulturelle Bildung?

Max Fuchs, Vorsitzender des Deutschen Kulturrats, hat in der Veröffentlichung „Kulturelle Bildung – Aufgaben im Wandel“ (2009: Deutscher Kulturrat) eine lesenswerte Bestandsaufnahme für Kulturelle Bildung verfasst. Darin problematisiert er zunächst die Begriffsklärung und tatsächlich gibt es Definitionen wie Sand am Meer. Oft werde Kulturelle Bildung als Sammelbegriff mit einer additiven Aufzählung und dem Hinweis auf kulturelle Teilhabe definiert. Referenz sei bei Kultureller Bildung immer die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, in der kulturelle Teilhabe als Menschenrecht deklariert wird:

Artikel 22: Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft (…) Anspruch darauf, (…) in den Genuß der (…) kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.

Artikel 27: 1. Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen (…).

In Zusammenhang damit wurde auf der ersten Weltkonferenz über Kulturpolitik  in Mexiko City 1982 der erweiterte Kulturbegriff der UNESCO etabliert, wie es in der Nürnberger Erklärung der UNESCO formuliert wurde:

„Im Sinne des seit der Ersten Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexico City 1982 erweiterten Kulturbegriffs der UNESCO, der alles von Menschen Geschaffene einschließt – auch Meinungen, Ideen, religiöse oder sonstige Überzeugung -, geht es dabei um die Vermittlung eines modernen Konzepts kultureller Vielfalt. Dazu gehört die kulturelle Dimension von Bildung, Wissenschaft und Kommunikation ebenso wie die Erhaltung des kulturellen Erbes.“ (5.3)

Kultur sind demnach nicht nur die Künste sondern auch Denk- und Lebensweisen, die immer in Verbindung mit kultureller Vielfalt in Verbindung stehen müssen, und alles von Menschen Geschaffene. Diese Unterscheidung des engen Kulturbegriffs, der sich auf die Künste konzentriert, von diesem erweiterten Kulturbegriff ist also grundlegend, wenn man von Kultureller Bildung spricht. Aber was bedeutet dann kulturelle Bildung heute noch, wenn Kultur letztlich alles Menschliche ist? Kultur als einen Überbegriff von Bildung anzusehen ist – dem erweiterten Kulturbegriff folgend – sehr nachvollziehbar, aber in der Debatte um den Trend Kulturelle Bildung, so mein Eindruck, wird Kultur oft auch als Teil von Bildung angesehen, weil er im engeren Sinne auf Künste beschränkt wird. Einen vertiefenden Einblick in diese Frage ermöglichen u.a. die Seiten über Kulturelle Bildung der Bundeszentrale für Politische Bildung. Dort heißt es: „Bildung ist die subjektive Seite von Kultur, Kultur die objektive Seite von Bildung (vgl. Fuchs 2005). Zwischen engerem und weiterem Begriff von Kultur und kultureller Bildung sind die Übergänge fließend.

Als wäre das noch nicht kompliziert genug, ist ein weiteres Problem der Begriffsklärung, dass Kultur in der Geschichte und weitverbreitet auch heute oft in Verbindung mit Nationalkulturen und ethnischer Fundierung und sozialer Homogenisierung gebracht wird. Dieser Kulturbegriff geht v.a. auf Herder zurück, der Kulturen mit dem Bild sich gegenseitig abstoßender Kugeln beschrieb. Überlegungen von Wolfgang Welsch und anderen folgend etabliert sich zunehmend die Auffassung, Kultur als Transkulturalität oder auch im Sinne Hybrider Kulturen zu verstehen. Den Wandel vom traditionellen Kulturbegriff zu Transkulturalität und hybriden Kulturen habe ich noch mal skizziert. Max Fuchs betont außerdem die folgenreiche Abgrenzung der „Deutschen Kultur“ durch Schiller in dessen Briefen zur ästhetischen Erziehung. Unter dem „Schiller der deutschen Leitkultur“ leide Kulturelle Bildung heute immer noch, weil sich das Bürgertum des 19. Jahrhunderts darauf aufbauend eine „ideologische Kruste“ gebildet habe, „an der bis heute jedes Reden über musische, ästhetische, künstlerische oder kulturelle Bildung leidet.

Was ist Kulturelle Bildung denn nun?

Wie bereits hier abzusehen, ist die Begriffsbestimmung Kultureller Bildung äußerst komplex. Im Mai 2010 fand die Zweite UNESCO-Weltkonferenz zur kulturellen Bildung in Seoul statt, wo u.a. Folgendes formuliert wurde: „Kulturelle Bildung muss als Grundlage einer ausgewogenen kognitiven, emotionalen, ästhetischen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen begriffen werden.“ Gemäß der Broschüre „Kulturelle Bildung“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V und den oben beschriebenen Überlegungen kann man Kulturelle Bildung mit folgenden Stichpunkten zusammenfassen.

Kulturelle Bildung…

  • ist Menschenrecht.
  • ist Allgemeinbildung.
  • ist Persönlichkeitsentwicklung.
  • befähigt zu kultureller Teilhabe.
  • ist lebenslanges und lebensbegleitendes Lernen mit den Künsten.
  • umfasst die vielfältigen Zugangsweisen zur Welt in ihren ästhetisch-künstlerischen Ausdrucksformen und Angeboten.
  • folgt einem ganzheitlichen Lernansatz mit Kopf, Herz, Hand und allen Sinnen.
  • bezeichnet zum anderen die Gesamtheit aller Gelegenheiten, Orte, Formen und Strukturen, in denen eine kreative Auseinandersetzung mit Spiel, Bildender Kunst, Musik, Theater, Medien, Tanz, Literatur und vielem mehr angeregt wird.
  • muss transkulturell sein.

Die Praxis zeigt, dass weiterhin unterschiedliche Kulturbegriffe in der Umsetzung Kultureller Bildung Einsatz finden. Projekte wie JeKi oder Kultur macht Schule weisen darauf hin, dass eine Fokussierung des engen Kulturbegriffs auf die Künste nahe liegt, denn wenn Kulturelle Bildung wirklich im Sinne des erweiterten Kulturbegriffs umgesetzt werden würde, hätte man es mit erheblichen Definitions- und Abgrenzungsproblemen zu tun. Die große Frage, die über dieser Aussage schwebt, ist: Wie lassen sich Wirkungen von Musik, Tanz, Literatur, Theater und Kunst nachweisen? Macht Mozart schlau? hat – aus Sicht der Musikpädagogik – leider gezeigt, dass Formeln wie „Musik macht intelligent„, u.a. von Hans Günther Bastian formuliert, wissenschaftlich nicht haltbar sind. Dass gemeinsames Musizieren oder Theaterspielen aber hilfreich für das Erlernen sozialer Kompetenzen sind, gilt als unbestritten. Das bringt das folgende Problem mit sich: Welche Kulturelle Bildungsmaßnahme ist sinnvoll bzw. am besten? Sollte mehr in musikalische Bildung investiert werden oder doch lieber in Medienkompetenzerwerb? Diese generelle Kritik muss sich die Vielzahl der aus dem Boden sprießenden Kulturellen Bildungsmaßnahmen gefallen lassen – bei allen kreativen und spannenden Ergebnissen, die diese Projekte bereits heute zeigen können: „Man kann zwar pauschal behaupten, dass Künste bilden. Doch es gibt viele Fragen zur pädagogischen Wirkung (…)“ (Max Fuchs). Problematisch sei bei der ganzen Diskussion, so Fuchs, die ideologische Überfrachtung der Begriffe. Spannend ist auch die Frage nach Teilhabegerechtigkeit an Kultureller Bildung. In der Schule, so argumentieren viele, werde sie am besten erreicht. Aber welche Rolle spielen dann Kulturinstitutionen bei Kultureller Bildung? Wie sehen sinnvolle und nachhaltige Kooperationsformen mit Schulen aus? Das 2. Jugendkulturbarometer stellt dazu treffend fest: „Die Ausweitung schulischer Aktivitäten beispielsweise bei Kulturbesuchen bewirkt offenbar wenig, wenn es nicht auch gelingt, konkret das soziale Umfeld der Jugendlichen mit einzubeziehen.“ Damit befinden sich die Kulturpolitik und Kulturinstitutionen weiterhin auf der Legitimationssuche. Zynisch könnte man behaupten, dass Kulturelle Bildung der Versuch sei, neue Kulturbesucher zu rekrutieren (so formuliert es tatsächlich der Deutsche Kulturrat), um damit das Fortbestehen der Institutionen zu sichern. Wohlwollend könnte ich hingegen konstatieren, dass das breite Interesse an Kultur in Politik und Gesellschaft positiv zu bewerten ist. Eine begründete Legitimation für Kulturelle Bildung sieht aber anders aus und so sieht sich, wie in meinen vorangehenden Artikel beschrieben, Kulturpolitik durch den demografischen und technikinduzierten kulturellen Wandel und den damit verknüpften Paradimenwecheln zunehmend vor enormen Herausforderungen. So sehen die Autoren des Kulturinfarkts zukünftige Kulturpolitik folgendermaßen: „Sie definiert kulturelle Bildungsziele und sichert Schnittstellen zum Bildungssektor, ohne sich als Bildungspolitik zu gebärden.“

Dieser Beitrag wurde unter Kultur, Kulturförderung, Kulturinfarkt, Kulturpolitik, Musik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s