„Verlorene Innovationen“ – Eine qualitative Interview-Studie erzählt eine ungehörte Geschichte über Copyright und Napster

Studien über die vermeintlichen Auswirkungen von Filesharing und Tauschbörsen gibt es mittlerweile ziemlich viele. Eine Literaturliste dazu findet man z.B. bei Spreeblick. Dass die Ergebnisse dieser Studien oft umstritten sind und sehr unterschiedlich ausfallen, beschreibt zum Beispiel dieser Hyperland-Artikel. Die quantitative Forschung hinsichtlich der Filesharing-Problematik scheint zur Zeit in einer Art Sackgasse zu stecken: Zu komplex sind die motivationalen Wirkungszusammenhänge, nicht nachweisbar die tatsächlichen und direkten wirtschaftlichen Verluste bzw. Gewinne und zu politisch motiviert sind oftmals die Wissenschaftler. Einige dieser Studien geben vor, statistisch belastbare Effekte beobachten zu können, doch die „Gegenseite“ findet immer wieder Argumente, die Thesen zu widerlegen. So geht das schon seit Jahren hin und her.

Deshalb hat der US-Rechtsprofessor Michael A. Carrier mit seiner neuen Studie „Copyright and Innovation: The Untold Story“ versucht, sich der Thematik rund um das Copyright, den Urteilen zu Napster sowie den Folgen dieser Entscheidungen für Innovationen mit qualitativen Interviews mit namhaften Akteuren (S. 61 ff.) zu nähern (Die Auswahl der Interview-Partner dürfte natürlich ein Hauptkritikpunkt an dieser Studie werden). Leonhard Dobusch hat zu der Studie einige Gedanken auf Netzpolitik.org formuliert, worüber ich auch auf die Studie aufmerksam geworden bin. Das ist meiner Meinung nach endlich mal ein Ausbruch aus dem oben skizzierten Kreislauf. Die Auszüge aus den Interviews und die Ergebnisse sind äußerst spannend. Im Fazit heißt es:

„Today’s front-page stories and front-line battles on copyright have focused on issues of piracy and theft. Given the figures of lost profits and jobs bandied about by the entertainment industry, that is not surprising. But any discussion of these harms must consider the countervailing argument.
Overaggressive copyright law and enforcement has substantially and adversely affected innovation. This story has not been told. For it is a difficult story to tell. It relies on a prediction of what would have happened if history had taken a different course. We cannot pinpoint these losses with certainty. And this gap is no match for piracy harms, which have been proclaimed with the loudest of megaphones.“

Diese „untold story“ wird natürlich wieder – gerade wenn vom „überaggressivem Copyright“ die Rede ist – viel Kritik hervorrufen, aber ich halte sie für einen wichtigen Beitrag zur Urheberrechtsdebatte – auch wenn sie sich natürlich in erster Linie mit dem amerikanischen Copyright und Reaktionen auf SOPA und PIPA auseinandersetzt. Hatte Lawrence Lessig noch danach gefragt, wie sich die Entwicklung des Copyrights auf die Free Culture auswirkt, versucht sich Michael A. Carrier daran, Auswirkungen der Entscheidungen gegenüber Napster vor 11 Jahren auf ausgebliebene Innovationen u.a. im Bereich digitaler Musik und deren Start-Ups qualitativ zu untersuchen. Dabei handelt es sich natürlich letztlich um Meinungen. Diese werfen allerdings tatsächlich ein neues Licht auf die Frage, wie der digitale Musikmarkt heute aussehen würde, wenn die damaligen Weichen anders gestellt worden wären. So kommen z.B. Label-Chefs zu Wort, die feststellen: „The labels “didn’t move as fast as they should have.” They didn’t “experiment enough.” And they could have been “more aggressive” in “try[ing] new business models”„(S. 40). Auch wenn sich mittlerweile einige neue digitale Geschäftsmodelle wie Musik-Streaming beginnen zu etablieren, spricht aus Carriers Interviews eine Vielzahl von Verlusten. Das ermöglicht natürlich auch eine übergeordnete Einschätzung heutiger Diskussionspunkte. Letztlich ist die Studie eine Geschichte über verlorene Innovationen, die die an vielen Stellen festgefahrene Urheberrechtsdebatte beeinflussen wird.

+++Update: Detektor.fm berichtet auch über die Studie und verlinkt meinen Artikel+++

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