Musik & Bildung: Interview mit mir zum Thema Urheberrecht und Musikpädagogik

In der aktuellen Ausgabe von Musik & Bildung 03/2012, die den Titel Zukunftsmusik trägt, ist folgendes Interview, das Prof. Jürgen Terhag mit mir im März 2012 geführt hat, veröffentlicht worden. Vorweg sei gesagt, dass sich natürlich einiges in der Zeit zum Thema Urheberrecht getan hat: Die wichtigste Änderung ist wohl, dass ACTA gescheitert ist. Einige Punkte würde ich heute wohl etwas anders formulieren, was v.a. das Thema „Studien über Filesharing“ betrifft. Allgemein halte ich die angesprochenen Themen zum Urheberrecht in der Musikpädagogik weiterhin für aktuell. Es geht u.a. um die Kritik an „Play Fair – Respect Music„, Kulturoptimismus und einen differenzierten Musikunterricht.

Der Kölner Blogger und Musikstudent Philip Stade im Gespräch

JT: Warum wird man eigentlich zum Blogger?

PS: Mich interessiert das Thema „Freie Kultur und Musik“ brennend und ich habe mich mit dem Blog für meine Examensarbeit zu diesem Thema vorbereitet. Alles was ich recherchiere ist dort für jedermann sichtbar, kann kommentiert werden und meine Examensvorbereitung wird zum Teil einer großen Diskussion, die gerade aktuell und überall präsent ist.

JT: Wer kommentiert in Ihrem Blog? Sind das drei Leute am Tag oder vierzig?

PS: Ich habe momentan rund 40 Views am Tag mit einigen Kommentaren. Beispielsweise von Gerald Mertens, dem Geschäftsführer der DOV (JT: Deutsche Orchestervereinigung), der im MusikForum 01/2012 des DMR einen interessanten Artikel geschrieben hatte, in dem er sinngemäß fragt, ob wir durch die Möglichkeiten der Digitalisierung nun alle Künstler seien. Er sieht eine Entwicklung hin zum „Prosumenten“, zum zusammenfallen von Produzenten und Konsumenten von Kultur.

JT: So ganz einig sind Sie sich nach meinem Eindruck aber nicht mit Gerald Mertens…

PS: Das stimmt, denn ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass angeblich durch Filesharing und Musik-Downloads Musiker kein Geld mehr verdienen können und Kreativität und kulturelle Vielfalt in Gefahr seien. Und darauf aufbauend einen stärkeren Schutz geistigen Eigentums zu fordern halte ich für sehr problematisch, weil ich den Sinn so weit reichender rechtlicher Eingriffe im Zusammenhang mit Kultur und die Umsetzbarkeit davon anzweifele. Es ist übrigens auch umstritten, ob das Filesharing wirklich so negative Auswirkungen für Musiker hat, wie es oft behauptet wird. Ich habe sehr viel recherchiert, aber mir ist keine einzige gute Studie bekannt, die diesen Zusammenhang belegt.

JT: Aber wenn ich als Künstler Musik erfinde und davon lebe möchte, bleibe ich doch darauf angewiesen, dass meine Musik auch verkauft wird. Oder gibt es durch die Digitalisierung neue Möglichkeiten, um vom Musikmachen zu leben?

PS: Natürlich bleibt es wichtig, dass man vom Musikmachen leben kann, aber dies wird weniger über den klassischen Verkauf von Musik durch die Musikindustrie geschehen. Jugendliche  schätzen Musik weiterhin sehr, bezahlen viel Geld für Konzerte und kaufen Merchandise-Artikel, möchten aber die Künstler oft lieber direkt bezahlen. Nach Mike Masnick (Masnick 2011) muss die unvermeidliche Wertminderung von digitaler Musik durch ständige Verfügbarkeit keinesfalls bedeuten, dass man mit ihr kein Geld mehr verdienen kann. So gibt es im Netz neue Verdienstmöglichkeiten und Einkommensmodelle, von denen ich einige wie die Kulturflatrate auf meinem Blog vorgestellt habe. Auf Seiten wie „Bandcamp“ können Künstler ihre Musik präsentieren und selbst entscheiden, für welchen Preis man diese downloaden kann. Teilweise kann darüber sogar der Hörer selbst entscheiden.

JT: Fällt damit Ihrer Meinung nach die Vermittlerrolle der Musikindustrie weg?

PS: Nein, sie behält wichtige Funktionen wie die professionelle Musikproduktion, das Booking für Konzerte usw., aber die darüber hinausgehende Filterfunktion, mittels derer sie allein darüber entscheidet, was veröffentlicht wird, das Rechtemanagement und die Tonträgerherstellung werden durch das Internet komplett in Frage gestellt.

JT: Steht nicht zu befürchten, dass durch eine „Klick-Demokratie“ die musikalische Qualität rasant abnehmen wird? Einschaltquoten o.Ä. waren aus meiner Sicht selten kulturell wertvoll…

PS: Zunächst einmal ist es wunderbar, dass durch das Internet sowohl der freie Zugang zu Information als auch das Bereitstellen von Inhalten für alle möglich geworden sind. Die Grundeinstellung zu dieser Entwicklung hängt letztlich von einer eher kulturpessimistischen oder -optimistischen Haltung ab. Und dann natürlich auch von der Qualität der Musikpädagogik, die mehr Gestaltungs- und Bewertungsmöglichkeiten bereitstellen als Verbote aussprechen sollte. Einige vermuten auch, dass das 20. Jahrhundert, in dem es eine derart hoch professionalisierte Musik gab, die sich Menschen zu Hause zwar anhörten, aber damit weiter nichts machen konnten, eine Ausnahmeerscheinung war.

JT: Auch als Kulturoptimist befürchte ich zwar, dass unendlich viel Mist produziert wird, wenn Millionen von Menschen Musik erfinden, sehe aber auch, dass der musikalische Gesamtertrag nicht zuletzt durch völlig neue biografische Wege zur Musikproduktion künftig vielleicht sogar interessanter sein könnte als im von Ihnen skizzierten 20. Jahrhundert. Aber wie soll angesichts einer solchen Überproduktion noch eine sinnvolle Auswahl stattfinden?

PS: Auch darüber wird im Rahmen des Musikunterrichts mitentschieden. Kulturelle Medienkompetenz muss hier ein noch zentraleres Anliegen werden. Und es werden sich natürlich auch neue Filter-Strukturen herausbilden, durch die auch wieder Gutes vom Schlechten getrennt wird, so wie es auch vor dem Internet war, nur in anderer Form.

JT: Und wenn meine Schülerinnen und Schüler dann etwas Gutes gefunden haben, sage ich ihnen: „Ihr könnt das alles downloaden. Die Musikindustrie wird es irgendwann sowieso nicht mehr geben und es erwischt Euch auch niemand.“ Sehen sie das so?

PS: Nein, so radikal sehe ich das nicht, wünsche mir aber, dass die Musikpädagogik mit dem Thema differenzierter umgeht als im Projekt „PlayFair“, in dem Sie sich ja auch engagiert haben (vgl. Terhag 2011). PlayFair vertritt ziemlich einseitig die Sichtweise der Musikindustrie, indem man den Wert des geistigen Eigentums betont und gleichzeitig das Downloaden mit dem Fahrraddiebstahl vergleicht; diese Kriminalisierung einer ganzen Generation ist unglaubwürdig, hier macht sich die Musikpädagogik zum Handlanger der Musikindustrie.

JT: Aber muss man das Original nicht schützen?

PS: Das Urheberrecht ist wichtig, aber durch eine digitale Kopie geht das Original nicht verloren, ergo kann das Kopieren auch nicht mit falschen Begriffen als Diebstahl oder Raubkopie bezeichnet werden.
Lawrence Lessig (Lessig 2004) kritisiert als einer der bekanntesten Verfechter einer freien Kultur, dass die Musik- und die Filmindustrie das Urheberrecht immer weiter auszudehnen versucht, wodurch alle, die heute im Internet agieren, in Konflikt mit dem Urheberrecht geraten. Till Kreutzer (Kreutzer 2011) weist darauf hin, dass damit das Urheberrecht vom Recht für Profis zum allgemeinen Verhaltensrecht geworden ist und vor diesem Hintergrund wird es gefährlich, wenn dies durch ACTA (JT: das geplante Anti-Piraterie-Abkommen der EU) noch verschärft werden soll. Wir brauchen nämlich ein Urheberrecht, das einen Ausgleich zwischen den Interessen aller Beteiligten schafft.
Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass heute soviel Musik produziert wird wie nie zuvor. Hierbei gehen hobbymäßiges und professionelles Produzieren nahtlos ineinander über und die Verbreitungsmöglichkeiten haben sich fundamental verändert. Natürlich stellen sich dadurch viele neue Herausforderungen und alte Geschäftsmodelle greifen nicht mehr, aber an dieser Stelle einen stärkeren Schutz von vermeintlichen Originalen zu fordern, halte ich für sehr bedenklich.

JT: Produzieren Sie selbst auch Musik und stellen diese online?

PS: Ich habe auf Soundcloud.com eine Seite, auf der ich meine Musik unter einer Creative-Commons-Lizenz freigebe. Hier ergibt sich auch für die Musikpädagogik eine interessante Möglichkeit: Creative-Commons stellt Lizenzen zur Verfügung, die es dem Musiker erlauben dem Nutzer gewisse Rechte zuzusprechen, die dieser nach geltendem Urheberrecht eigentlich immer erst erfragen müsste. Remixes und Downloads bei Namensnennung können somit beispielsweise im nicht-kommerziellen Bereich wie der Schule ermöglicht werden.

JT: Wie erklären Sie es sich, dass sich viele professionelle Musiker/innen für PlayFair und das Urheberrecht engagieren? Sind die Ihrer Meinung nach alle von der Industrie gekauft?

PS: Viele Musiker sind wie die Musikindustrie der Ansicht, dass sie ein stärkeres Urheberrecht zum Überleben brauchen. Filesharing-Plattformen und illegale Downloads sind für sie der Grund für sinkende Einnahmen. Dabei sehen sie aber nicht, wie problematisch eine anhaltende Ausweitung des Urheberrechts für die Kultur wäre, und die Veränderungen durch die Digitalisierung und die kulturelle Praxis Jugendlicher werden von ihnen meiner Meinung nach ein Stück weit verkannt.

JT: Wie könnte der Musikunterricht dazu beitragen, den Bereich der Musikproduktion kreativ zu nutzen?

PS: Hier finde ich den Ansatz von „PlayFair“ sehr gelungen, mit Jugendlichen zu musizieren  und ihnen dadurch auch zu zeigen, wie mühsam und aufwändig das Erstellen von Musik ist und dass Musik einen Wert hat. Mit digitalen Medien könnten im Musikunterricht Remix-Techniken praktisch umgesetzt werden. Darüber hinaus ist es aber wichtig, dass man die komplexen Entwicklungen der Digitalisierung zunächst einmal auf zwei Phänomene herunterbricht, wie es Dirk von Gehlen (Gehlen 2011) ausführt: Erstens sind durch die Möglichkeit der digitalen Kopie die starren Kategorien „Kopie“ und „Original“ wie beschrieben undeutlicher geworden, da man sie technisch nicht mehr unterscheiden kann, zweitens hat sich die Information, beispielsweise in Form von Musik, vom Datenträger losgelöst. Das führt zu einem grundlegend neuen Umgang mit Information und Daten und deswegen sollte man auch im Musikunterricht  das Urheberrecht und die Interessen der Musikindustrie kritisch in Verbindung bringen und über aktuelle Entwicklungen diskutieren anstatt eine gesamte Generation weiter als „Raubkopierer“ und Diebe zu diffamieren. Gleichzeitig müssten die Schüler/innen aber natürlich über bestehendes Recht aufgeklärt werden.

Literatur:

Gehlen, Dirk von: Mashup. Lob der Kopie. Berlin 2011
Kreutzer, Till: Vortrag auf der Re:publica. Berlin 2011
Lessig, Lawrence: Free Culture. 2004 (verfügbar unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC 1.0)
Masnick, Mike: On3-Radiointerview. 2011
Mertens, Gerald: Alles Künstler? In: Deutscher Musikrat (Hrsg.): Musikforum 01/2012. Bonn 2012

Dieser Beitrag wurde unter Bildung, Creative Commons, Digitalisierung, Filesharing, Kultur, Musik, Musikindustrie, Remix, Urheberrecht abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s