Neue Initiative: „Recht auf Remix“ – ein erster Kritikpunkt

Die Digitale Gesellschaft e. V. startet heute mit einer neuen Kampagne namen „Recht auf Remix“. Warum das Thema auf die Agenda gehört, begründen sie folgendermaßen:

„Remix und Remixkultur müssen als zentrale Ausdrucksform einer digitalen Gesellschaft anerkannt werden. Ein Recht auf Remix erfordert jedoch auch Änderungen des Urheberrechts in Deutschland und auf europäischer Ebene.“

Quelle: Digitale Gesellschaft e.V. – Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Ich hatte auf Netzpolitik in einem Kommentar schon mal nachgehakt, dass die Bezeichnung als „Recht“ aus urheberrechtlicher Sicht schwierig ist: Eine Schranke für transformative Werknutzung, wie sie beispielweise die Grünen fordern, oder eine Bagatellschranke, wie sie „Recht auf Remix“ gefordert wird, führt nicht im Umkehrschluss zu einem einklagbaren Recht. Das kann man sich z.B. an der Privatkopieschranke (§ 53 UrhG) deutlich machen: Die Nutzer dürfen nicht das Recht einklagen, einen Kopierschutz umgehen zu dürfen (Meines Wissens hat das allerdings auch noch keiner versucht…). Dobusch antwortete, dass dieses „Recht“ natürlich aus einem Bündel an Änderungen bestehen müsse. Somit ist es verständlich, dass die Kampagne unter diesem griffigen Namen versucht, Bewegung in die Diskussion zu bringen.

Jedenfalls freue ich mich, dass das Thema im Rahmen der re:publica samt Manifest, Online-Remix-Museum und Petition nun hoffentlich sehr prominent diskutiert wird und dass sich die Initiative auf Lawrence Lessigs „Free Culture“ bezieht, das ja einen zentralen Bezugspunkt meines Blogs liefert. Wünschenswert für die Diskussion – und hier wäre ein erster Kritikpunkt an der Initiative – fände ich, dass der sog. „Prosument“ nicht als allgemeiner Nutzer hoch stilisiert wird. Die ARD/ZDF-Online-Studie 2012 zeigt laut Busemann & Gscheidle nämlich folgendes Bild:

„Außerhalb der Communitys wird das Web 2.0 fast ausschließlich passiv genutzt, nur 8 Prozent aller Onliner sind noch offen für aktive Beteiligung am Netz.“

Das ändert meiner Meinung nach nichts an der Bedeutung des Themas, aber es sollte darauf geachtet werden, dass von diesen 8 % womöglich nur ein recht kleiner Teil auch noch aktiv remixt. Die Initiative behauptet allerdings:

„In dem Maße, in dem die kreative Kopie Teil des kommunikativen Alltags breiter Bevölkerungsschichten wird, ist ein Recht auf Remix eine grundlegende Voraussetzung für die Kunst- und Meinungsfreiheit einer Gesellschaft.“

Dass noch viele Remix-Potentiale in der Gesellschaft schlummern, die aufgrund der rechtlichen Lage noch unterdrückt oder in der Nicht-Öffentlichkeit zurückgehalten werden, könnte sich natürlich in Zukunft noch zeigen, aber die implizite Formel, „heute sind viele Konsumenten zu remixenden Prosumenten geworden“, oder die Behauptung, dass breite Bevölkerungsschichten kreative Kopien erstellen würden, sollten meiner Ansicht nach im Zuge einer sachlichen Betrachtung der Thematik vermieden werden. Das wäre im Zuge einer breiten Debatte erstmal genauer zu untersuchen.

Problematisch bei der Thematik ist z.B. „Metall auf Metall II„. Filmempfehlung zum Thema hatte ich hier zusammengestellt und ich hatte auch mit Prof. Peifer darüber diskutiert. „Recht auf Remix“ verweist u.a. auf folgendes empfehlenswertes Video von Andy Baio, dass einige urheberrechtliche Probleme in Bezug auf Remixe anspricht:

Dieser Beitrag wurde unter Creative Commons, Kultur, Remix, Urheberrecht abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Neue Initiative: „Recht auf Remix“ – ein erster Kritikpunkt

  1. Pingback: Der BGH und das Sample (ein Liebesbrief als “Metall auf Metall II”-Remix) | Freie Kultur und Musik

  2. Bodo Pallmer schreibt:

    die online-studie bezieht die 8 prozent ausdrücklich auf die erstellung von content außerhalb der sozialen netzwerke. die unterscheidung der nutzung innerhalb und außerhalb der netzwerke mag im rahmen der studie sinnvoll sein – in dieser argumentation führt sie zum ausklammern der aktivitäten innerhalb der netzwerke. ohne remix-aktivitäten wären aber die netzwerke faktisch nicht existent; und das gilt nicht nur für soundcloud und pinterest, sondern auch für facebook und google+.
    abgesehen davon sind 8 prozent aktive nicht wenig, sondern viel: eine massenbewegung von millionen, die auch außerhalb der netzwerke content erstellt und den begriff der prosument_innen sehr wohl rechtfertigt.

  3. Philip Stade schreibt:

    Ich gebe dir vollkommen Recht, dass es laut der Studie Millionen aktive „Onliner“ gibt. Nur stellen sich sich mir folgende Fragen:
    Was verstehst du unter einem Remix? Was versteht die Kampagne unter einer „kreativen Kopie“? Was ist Remixkultur?
    Ich denke hier müssten wir erst mal drüber diskutieren.
    Aus meiner eigenen Erfahrung ist das aktive Produzieren von UserGeneratedContent in den meisten Fällen kein Remix, da dabei keine grundlegende kreative Transformation statt findet. Wie du schreibst, geht es um das „Erstellen von Content“. Das wird meiner Meinung nach auch von der ARD/ZDF-Onlinestudie so bestätigt: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=356 . Natürlich sind das alles – auch die „reine Rezeption“ – kreative Leistungen (im Sinne von John Fiskes „aktivem Publikum“) und ich möchte über das auch in keinster Weise abwertend urteilen. Und natürlich machen das alles die sog. ProsumentInnen, denn es wird ja etwas Produziert. Doch bleibt die Frage, ob wir das als Remix verstehen wollen?
    Natürlich könnte man die individuelle Zusammenstellung von UGC z.B. im Profil eines sozialen Netzwerks als Remix bezeichnen – eine neue Kombination von Altem, in der neue Bezüge hergestellt werden – aber so verstehe ich den Begriff nicht. Würdest du das als Remix-Aktivitäten definieren? Denkbar wäre das natürlich, denn die Grenzen zwischen kreativ Rekombinieren und individuell Sharen sind natürlich sehr schwierig zu ziehen – und letztlich auch aus urheberrechtlicher Sicht schwierig zu bewerten: Erstellt ein DJ, der zwei Songs ineinander überblendet, einen Remix? Was unterscheidet das Ergebnis von einem als Remix deklarierten Musikstück?
    Es geht für mich um neue, kreative und veränderte Versionen und ich frage mich: Gibt es eine kreative – schöpferische Leistung beim Remixen? Das schreibt ja auch „Recht auf Remix“ so: „Nie zuvor war es so vielen möglich, Werke auf so unterschiedliche Arten zu VERÄNDERN und so einfach anderen zugänglich zu machen.“ Aus urheberrechtlicher Sicht sprechen wir also aus dem Spannungsfeld zwischen Bearbeitung, Freier Benutzung und Neu-Schöpfung PLUS Zugänglichmachen. Auch das Beispiel „Hintergrundmusik im Handyvideo“, das „Recht auf Remix“ nennt, wirft diese Frage auf – aus meiner Sicht eher Bagatelle als Remix.
    Meiner Meinnug nach ist die Kampagne in diesem Punkt auch recht schwammig/unglücklich formuliert: „Remix bedeutet, dass das ursprüngliche Werk im neuen Werk deutlich erkennbar ist bzw. bleibt. Remixkultur meint die massenhafte Verbreitung von transformativen und kreativen Werknutzungspraktiken in der digitalen Gesellschaft. In den Worten des Creative-Commons-Erfinders und Rechtswissenschaftlers Lawrence Lessig heißt das: Remixkultur zeichnet sich durch die Ablösung der konsumorientierten Read-only-Kultur hin zur aktiv-kreativen Read/Write-Kultur aus. “
    Ein Remix ist demnach die eigentliche kreative Bearbeitung/Freie Benutzung. Remixkultur hingegen die ganze Read/Write-Kultur, in der es auch um die Verbreitung von Content geht. Einerseits geht es also um eine Werk-Veränderung („Recht auf Remix“ spricht auch von „Remix-Kunst“) – andererseits um „Jeder Mensch ist ein Remix“. Ist dieses Dilemma nachvollziehbar?

  4. Philip Stade schreibt:

    Anders formuliert: Wenn alles ein Remix ist, wieso brauchen wir dann noch eine Remix-Schranke?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s